Wo
du leben willst, da gehe hin
Lohnt sich das Auswandern? |
Geht
es dir dort besser als hier, und ist es lohnend und ratsam für
uns, nachzukommen?
Häufig lassen sich die beiden Fragen und die Antworten
darauf gar nicht trennen, und fast immer besteht ein Zusammenhang
zwischen dem eigenen Schicksal des Einwanderers und seiner Haltung
zum Auswandern von Nahestehenden oder Fremden. Jeder (freiwillige)
Auswanderer verlässt die Heimat und begibt sich in die
Fremde in der Hoffnung, dass es ihm dort besser gehen werde
als bisher und als er es zu Hause für die Zukunft erwartet.
Die große Mehrzahl der deutschen Amerika-Auswanderer im
19. Jahrhundert verstand das „Bessergehen“ vor allem
in wirtschaftlichem Sinne, erstrebte oft auch Unabhängigkeit,
aber vor allem einen höheren Lebensstandard für sich,
und generell sozialen Aufstieg. Dem Bauern ging es um einen
größeren Hof, dem Tagelöhner um eigenes Land,
dem Handwerker um Selbständigkeit und bessere Geschäfte,
dem Arbeiter um höheren Lohn und Besitz oder Ersparnisse
zum Mitnehmen, wenn er sich zur Rückkehr entschloss (eine
Entscheidung, die erstaunlich viele Auswanderer offen ließen,
selbst manche, die sich Land kauften). |
|
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| Für
die Masse der deutschen Auswanderer ist sicher, dass die Briefe
von Verwandten, Freunden, glaubwürdigen Bekannten bei weit
mehr Menschen den Ausschlag gegeben haben für ihre Entscheidung,
die Heimat zu verlassen, als alle Zeitungsmeldungen, Romane,
Auswandererleitfäden, Agenten und Werbebroschüren
zusammen. |
Die
Ratschläge und Prognosen hinsichtlich der Nachwanderung
gehen entweder in die gleiche Richtung oder warnen eher trotz
eigenen Wohlergehens mit dem Hinweis, man habe Glück gehabt
– ein wenig Konkurrenzfurcht gegenüber Neueinwanderern
könnte dabei mitspielen.
Hier wie meist wird Aufstieg mit mehr Einkommen, verbesserten
Lebensbedingungen und Eigentumsbildung gleichgesetzt; gelegentlich
erweist sich auch die Politik, auch ohne massive Einkommensverbesserungen,
als Weg zum sozialen Aufstieg. |
| Die
folgenden Briefausschnitte geben das ganze Spektrum von Urteilen
– von heller Begeisterung über Neutralität oder
Skepsis bis hin zu vernichtender oder verzweifelter Kritik wieder;
Amerika war keineswegs für jedermann das gelobte Land.
Die Unterschiede in der Beurteilung sind zweifellos zu einem
großen Teil aus der Persönlichkeit des Schreibers
und aus seinen Anfangsbedingungen – seine Lage in der
alten Heimat und die Höhe des Startkapitals in Amerika
– zu erklären; aber es wird auch deutlich, wie stark
die Lebensbedingungen in Stadt wie Land von Konjunkturschwankungen
abhingen – und davon, ob man zur rechten Zeit am rechten
Ort war. |
Man
kann nicht beschreiben,
wie gut es in Amerika ist |
Johann
Fuchs aus Langenfeld
Podrisch, New York, den 18. Feb. 1841 an die Kinder |
.
. . wir noch alle frisch und gesund sind und so vergnügt
und zufrieden leben, als daß die Umstände in Deutschland
so zu leben nie zugelassen haben. Nicht anderes wird in unserer
Haushaltung erwünscht, als hätten wir unsere ganze
Familie bei uns! . . .
. . . Wir werden vermutlich bis in den Juni hier auf dem Kanal
verbleiben. Könntet Ihr im Monat May zu uns kommen, so
könntet Ihr diesen Sommer so viel verdienen, daß
Ihr den Winter hindurch zu leben hättet; denn Eure Männer
könnten unten auf die Kanal-Arbeit gehen; und Ihr zwei
nehmet jedes vier Kostgänger an. Diese bezahlen jeder jeden
Tag 10 Silbergroschen. Dieses würde vollkommen die Ausgabe
für sie und für Eure ganze Familie ausmachen. Was
alsdann auf dem Kanal verdient wird, und was Ihr mit Nähen
und Stricken verdient, das könnet Ihr zurücklegen.
Wenn wir gesund bleiben, so sind wir auch gesonnen, sobald es
warm wird, Kostgänger anzunehmen, deren man hier genug
haben kann.
Ach liebe Kinder! Was ist das für ein Unterschied hier
und in Deutschland! Ein reichliches Verdienst, so gute und wohlfeile
Lebensmittel. Es scheint weder jung noch alt zu Fuß zu
reisen, alle zu Pferd oder Wagen. Ja, sie lassen sich Sonntag
in die Kirche fahren, und wenn es auch kaum des Ein- und Aussteigens
wert ist und selbsten kein Fuhrwerk haben . . .
Eine arbeitsame Hand ist ein Reichtum in Amerika. Alle Handwerker
sind hier gut: Maurer, Steinhauer, Zimmerleute und Schmiede
und Schlosser sind die ersten; und Wagner, Bäcker und Nagelschmiede
sind die letzten. Ueberall sicher und erfreuliche Aussichten,
auch reichliches Verdienst. Wer nur arbeiten kann und will,
der hat keine Not, und wer den Sommer hindurch arbeitet, so
kann er soviel ersparen, daß er mit einer Familie von
4 bis 5 Personen den ganzen Winter hindurch davon leben kann. |
|
Johannes
Schröder aus Dedenborn, Kr. Monschau
Milwaukee, Wis., Dez. 1846 an seine Verwandten |
Wir
haben eine gute Ernte gehabt. Wir haben geerntet 30Mltr Früchte,
so viel hätte ich in Deutschland fast in 3 Jahren nicht
ernten können auf demselben Lande. Wir haben hier zu leben
im Überfluß. Hier ist ein ruhiges zufriedenes Leben.
Hier kommt keinen Empfänger, hier bekommt man keine Mahnungsblättchen,
hier kommt keine Gemeinderat einem ins Haus, kurzum, alle Bettelei
hört auf . . . Aber das Allerschönste, was ich hier
finde, ist, daß man die Früchten eines armen Mannes
von denen eines reichen nicht unterscheiden kann . . .
. . . Du mein lieber Bruder Hubert, wärst Du doch mit Deinen
Kindern hier, so könntest Du sagen, ich bin ein reicher
Mann. Wenn Deine Mädchen alle 4 dienten, so brauchtest
Du und Deine Frau nicht mehr zu arbeiten, und Du könntest
leben wie ein reiche Herrschaft; aber was hilft das alles, ich
kann Dir nicht dazu raten, wegen der beschwerlichen Reise und
vielen Kosten. Ich rufe keinen, wer kommen will und kommen kann,
der komme. Es ist gerade, wie ich Euch sage. |
Nikolaus
Frett, geb. 1795 in Virmburg, Kreis Mayen, ausgew. 1841
Chicago, 30. Aug. 1841 an Kaufmann Marhöffer |
Man
weiß auch hier von keinen Steuern. Man braucht sich hier
nicht für den Müssiggänger zu plagen als wie
in Deutschland. Hier arbeitet man für sich . . . Wir verlangen
nicht mehr nach Deutschland. Jeden Tag danken wir dem lieben
Gott, daß er uns aus der Sklaverei gleichsam ins Paradies
geführt hat. Auch dieses wünschte ich meinen lieben
Freunden, Schwestern und Brüdern von Herzen gerne, die
doch in Deutschland gleichsam als unter Löven und Drachen
wohnen und jeden Augenblick fürchten, von ihnen verschlungen
zu werden.
Die Tracht der Kleider ist in Amerika wie in Deutschland bei
den größten Herrschaften. Besonders bei den Frauenzimmern
ist die Tracht sehr vornehm . . . Auch ist die Amerikanische
Kost gut und billig. Der gemeine Mann lebt in Amerika besser,
als in Deutschland der vornehmste. Kurz mit einem Wort, man
kann nicht beschreiben, wie gut es in Amerika ist. |
Peter
Arras aus Brandau, Hessen
ca. 1831 an einen Freund in Brandau |
| Wer
hier arbeiten will, kann sich ein schönes Vermögen
erwerben, wenn er nur im Taglohn arbeitet. Die Leute, welch
wir mitgenommen haben, und der Sclaverey entgangen sind, und
hier in einem freien gelobten Land leben, wenn wir einmal eingerichtet
sind, da brauchen unsere Weibsleute nicht wie in Deutschland
zu fragen was werde ich kochen, sondern was sie gelüstet
und essen wollen, wenn sie wollen können sie spinnen, wenn
sie nicht wollen brauchen sie es nicht, denn die Hembter sind
wohlfeil und man hat keine Abgaben man glaubt in Deutschland
nicht, wie leicht sich hier leben läst, sie schmieren das
schöne Brod fingersdick mit Marmelade oder Butter dann
essen sie erst ihr Fleisch dazu. |
Eduard
Treutlein, geb. 1838 in Ittenschwand, höhere Schule
in Heidelberg zunächst Seemann, dann Lehrer, ausgew.
1859
Oxford, Pennsylvania, Juli 1865 an die Eltern |
| Nun
will ich Euch eine nähere Beschreibung der Gegend und unsrer
Verwandten hier geben. Es sind bereits über 15 Jahre, dass
Joseph Fodt, der ein guter Wagner ist, mit Josephine hier in
diesem Land wohnt. Sie hatten keinen Kreuzer mehr als sie in
York ankamen. Doch Fodt fand sogleich Arbeit und ein anderer
Mann bot ihm sogleich ein kleines Haus in der Stadt zum wohnen
an bis es ihm möglich sei zu bezahlen . . . Am Ende des
2ten Jahres hatte er 200 $ erspart und Josephine durch Häkeln,
Nähen, Stricken && über 50 $; ohne daß
es ihr Mann wusste; da wurde das Gütchen feil auf dem sie
nun leben für 1500 $, wovon 200 $ baar. Fodt bezahlte die
200 $, trat es an u. Josephine gab ihm dann ihre 50 $ um Geschirr
zu kaufen. Es sind ungefähr 15 Morgen Land, welches durch
die Straße in zwei Hälfte geteilt wird, woran ein
schönes Wohnhaus auf der einen Seite und eine geräumige
Wagnerstätte und Scheuer auf der andern Seite steht, das
Land eingezäunt rings umher. Er betreibt die Bauerei u.
Wagnerei, hält 1 od. 2 Pferde, und Josephine versieht die
Kühe, Schweine, hält immer c 60 Hühner, 25 Truthähne,
Enten, Gänse && woraus sie sich und den Kindern
Kleider anschaffen muß, wie es der Gebrauch in diesem
Lande ist . . . Ihr Gütchen ist nun 1900 $ werth, frei
bezahlt und außerdem haben sie noch 350 $ auf Zinsen,
ohne das Vieh && u. die schöne Hauseinrichtung
. . . Josephines Bruder Johan Ballweg, wo ich diesen Brief nun
schreibe, wohnt hier in Oxford, Er kam 2 Jahre nach Josephine
ins Land. Hatte noch etwas Geld als hierher kam und kaufte in
Abbotstown ein Haus, wo er mit seinen 3 Söhnen: Johann,
Friedrich u. Karl die Schuhmacherei betrieb. Er ist ein Mann
in seinem Fach, wie auch seine Söhne, erhielt er bald eine
sehr starke Kundschaft und machte im ersten Jahr für 2100
$ Arbeit . . . Er hat nun verflossenes Jahr ein ausgezeichnet
schön gelegenes Gut hier gekauft von 42_ Morgen Land, 6
Morgen Wald, begränzt an der einen Seite von der Conowage
und das übrige hübsch eingezäunt, in der Mitte
davon an einer belebten Straße liegt ein schönes,
freundliches 2 stöckiges Wohnhaus mit Gemühsgarten
u. Blumengarten in der Front, Stallung, Scheuer &&. |
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Hier
spricht man meistens Englisch
Die fremde Sprache |
Die
überwältigende Mehrheit der deutschen Einwanderer
kam ohne Englischkenntnisse nach Amerika, und ebenso fanden
sich die meisten zum ersten Mal im Leben in einer Lage, in der
sie nicht jeder verstand und sie selber andere nicht verstanden:
eine beängstigende, eine verwirrende, zumindest eine verunsichernde
Situation. Wie stark der einzelne davon betroffen war, hing
weitgehend davon ab, wo er sich niederließ.
Stürzte er sich ins kalte Wasser, zog an einen Ort, wo
nur wenige Deutschamerikaner lebten, nahm eine Arbeit an, bei
der er keine deutschen Kollegen hatte, dann war der Lernprozess
schmerzhaft, aber kurz, zumal wenn er ohne Familie kam. Ging
er dagegen ins deutsche Wohnviertel einer größeren
Stadt oder in ein deutsches Siedlungsgebiet auf dem Land, fand
er zudem noch einen deutschen Arbeitgeber oder bestellt sein
eigenes Land, dann brauchten ihm seine mangelnden Englischkenntnisse
zunächst wenig Sorgen zu machen, weil er so gut wie alle
Verständigungsbedürfnisse in seiner Muttersprache
befriedigen konnte – jedenfalls dann, wenn er sich Mühe
gab, Hochdeutsch zu sprechen. (In einer ähnlichen Lage
war auch ein großer Teil der Frauen, die nicht außer
Hause arbeiteten.) Und er konnte nun, ohne Druck und je nach
seinen privaten oder beruflichen Kontaktwünschen, eher
geruhsam und beiläufig die fremde Sprache lernen. |
Eins
begriffen die neuen Einwanderer sehr rasch, jedenfalls diejenigen,
die sich nicht in ihrer deutschen Sprachinsel von allen Außenkontakten
fernhielten: wer kein Englisch konnte, wurde von den Amerikaner
nicht ganz für voll genommen, war entweder auf deutsche
Arbeitgeber angewiesen (die häufig niedrigere Löhne
zahlten) oder von beinahe allen qualifizierten und gut bezahlten
Tätigkeiten ausgeschlossen.
Die Erkenntnis, dass man Englisch sprechen müsse, wenn
man vorwärt kommen will, zieht sich wie ein Refrain durch
einen großen Teil der Briefe. Und diese Tatsache wird
ohne Murren akzeptiert; die häufigen Klagen beziehen sich
auf die missliche Situationen, in die man ohne Englischkenntnisse
kommt, die Schwierigkeit des Englischlernens, allenfalls noch
auf das Phänomen, dass so viele Einwanderer, kaum haben
sie die neue Sprache gelernt, die alte nicht mehr sprechen mögen.
Mit dem Spracherwerb auf der einen Seite geht in der Regel ein
Sprachverlust auf der anderen einher. |
Für
die Masse der Einwanderer dürfte gelten, dass die Generation
der Kinder das Deutsche noch verstand und zum Teil noch sprach,
aber mit dem Schreiben bereits Schwierigkeiten hatte.
Zum Sprachverlust liefern die Briefe wertvolle Belege.
Da sind die Entschuldigungen, dass der Ehemann oder die Ehefrau,
wiewohl in Deutschland geboren oder doch von deutschen Eltern
abstammend, nicht mehr deutsch schreiben könne. Vor allem
aber die unbewussten Hinweise, die Sprache der Briefe selbst,
zeigen in vielen Fällen an, wie nicht nur die zweite, sondern
auch schon die erste Generation der Einwanderer nach geraumer
Zeit in Satzbau, Vokabular und sogar Redewendungen dem Englischen
Einlass in die Muttersprache gewährt. Die ersten Anzeichen
– englische Schreibweise des Datums, Anglisierung der
Namen (aus Heinrich Müller wird Henry Miller) einzelne
Begriffe ohne vertrautes deutsches Äquivalent (einfenzen
für einzäunen, verrenten für vermieten oder verpachten)
– mögen noch zum Teil auf bewusste Anpassung an die
neue Umwelt zurückgehen; die massiven Einbrüche des
Englischen, wie sie in den letzten drei Briefen dieses Kapitels
auftreten, sind dagegen ein sprachliches Phänomen, das
die Entfremdung von der Muttersprache und das Überhandnehmen
des offenbar bereits vertrauteren Englischen signalisiert.
Besonders Intellektuelle, Journalisten und Kirchen haben sich
vor allem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts um eine
dauerhafte Erhaltung der deutschen Sprache in den Vereinigten
Staaten bemüht. Die Erfolge schienen vor allem gegen Ende
des 19. Jahrhunderts quantitativ eindrucksvoll – Zahl
der Kinder, die Deutschunterricht hatten, Zahl der deutschsprachigen
Zeitungen, Zahl der Gemeindemitglieder deutschsprachiger Kirchen,
Zahl der deutschsprachigen Vereine. Doch das von den Briefen
vermittelte, hinsichtlich der zweiten Generation eher pessimistische
Bild ist realistischer. An dem stolzen Bau der deutschsprachigen
Kulturpflege begannen sich immer tiefere Risse zu zeigen, als
um die Jahrhundertwende die deutsche Einwanderung abebbte, kein
Nachschub der ersten Generation mehr kam; die Deutschenverfolgung
der Kriegsjahre 1917/18 brachte zum Einsturz, was bereits vorher
ins Wanken geraten war. Heute wird (von Einwanderern der Nachkriegszeit
abgesehen) Deutsch in den USA als Hochsprache und vor allem
als Dialekt nur noch von einigen 10 000 Gläubigen kleinerer,
vor allem mennonitischer, Freikirchen gesprochen – und
natürlich sind diese wenigen auch sämtlich des Englischen
mächtig. |
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Wilhelm
Krauß aus Unterlauter, Lehrer und Pianist, ausgew. 1853
New York, den 19. April 1854 an Geschwister und Freunde |
| Eine
große Nachfrage ist auch immer nach Mädchen für
kleine Familien, um Kinder zu warten, um zu waschen und zu bügeln.
Deutsche Mädchen, hauptsächlich wenn sie Englisch
können, sind immer vorgezogen . . . Die Hauptsache ist
die Englische. Jedem Auswanderer ist zu rathen, ehe er seine
Reise nach Amerika unternimmt, erst so viel als möglich
Englisch zu lernen. Denn die Bekanntschaft mit der englischen
Sprache ist hier zu Lande so viel als bares Geld. |
|
Anton
Vogt, geb. um 1820 in Schmechten (heute Schmechten-Brakel),
Landwirt/Schäfer, ausgew. 1851
Town Forrest, den 17. April 1852 an seinen Bruder in Schmechten |
Wie
die deutschen Einwanderer schnell feststellen mussten, war in
Amerika nicht nur die Sprache eine andere, Klima, Landschaft,
Essen, Gebräuche, Kleidung und vieles andere verschieden,
sondern auch die Art und Weise, wie man sein Brot verdiente.
Drei Aspekte zogen die größte Aufmerksamkeit auf
sich: die Erleichterung und Beschleunigung der Arbeit durch
Maschinen, unterschiedliche Techniken in Handwerk und Landwirtschaft
und die Intensität der Arbeit. |
Die
Verblüffung darüber, was man in Amerika alles mit
Maschinen macht, das Staunen über die Wunder der Industrialisierung,
geht auf mehrere Tatsachen zurück. 1. war der Ersatz von
menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen (auch und gerade in
der Landwirtschaft) zu jedem Zeitpunkt des 19. und frühen
20. Jahrhunderts in den USA insgesamt weiter fortgeschritten
als in Deutschland. Das beruht auf einer Reihe von Gründen,
vor allem den relativ hohen Lohnkosten in Amerika. 2. kam ein
großer Teil der Einwanderer aus besonders rückständigen
Gebieten Deutschlands, so dass gelegentlich in Milwaukee oder
Chicago Einrichtungen zum ersten Mal kennen gelernt werden,
die es auch in Wuppertal oder Berlin längst gab. 3. ist
es in einer Periode der stürmischen Industrialisierung
hüben wie drüben nahe liegend, dass jemand nach 20
Jahren Amerika dessen Fortschritt mit der Lage in der Heimat
bei der Abreise vergleicht und dabei nicht bedenkt, dass auch
in Deutschland Elektrizität oder Telefon eingezogen sein
könnten.
Es bleibt das erhebliche Gefälle bestehen im Grad der Mechanisierung,
Industrialisierung, der angewandten Technik, zwischen alter
und neuer Heimat, das aber von den Einwanderern – sieht
man von gelegentlichen Bedenken über die Schädigung
der Handwerker und zeitlos deutschen Bemerkungen über schludrige
Arbeit und mangelnde Dauerhaftigkeit ab – im ganzen positiv
geschildert wurde.
Eher gleichmütig, manchmal aber auch mit gemischten Gefühlen
vermerken Handwerker und Bauern, was ihre amerikanischen Kollegen
anders machen, wobei es als selbstverständlich erachtet
wird, dass man sich dem anzupassen hat. |
Wer
in diesen Tagen bei einem USA-Aufenthalt Gelegenheit hatte,
sich einen Eindruck von der Arbeit in der Fabrik, auf der Baustelle,
im Büro zu verschaffen, wird den Zeugnissen aus dem 19.
Jahrhundert entnehmen können, wie langlebig Traditionen
der Arbeitsintensität sind. Hier und da schreibt jemand,
man müsse in Amerika weniger schwer arbeiten als in Deutschland.
Sieht man näher hin, so geht es entweder um kürzere
Arbeitszeiten in den USA oder um durch die Gegebenheiten des
Bodens bzw. Maschinen erleichterte harte Knochenarbeit. Was
das Arbeitstempo, Dauer und Häufigkeit der Pausen und die
Erwartung voller Verausgabung betrifft, macht sich niemand Illusionen.
Der Arbeitsdruck in Amerika lässt die entsprechenden deutschen
Verhältnisse fast idyllisch, auf jeden Fall gemächlich
erscheinen.
Bemerkenswert erscheint, wie die zitierten Briefschreiber auf
die massiven neuen Anforderungen, die an sie gestellt werden,
reagieren: selten mit Skepsis, nie mit Widerstand, sondern entweder
gleichmütig oder sogar begeistert. |
Nikolaus
Hütter, geb. in Schmidtheim
Kenosha, 21.5.1875 an seine Familie |
Wie
weit man hier in der Mechanik vorgeschritten ist, könnt
Ihr hieraus entnehmen: Ich sah in Chicago einen Telegraph, welcher
die Depesche druckt. Und mit unbegreiflicher Schnelligkeit!
Man hat hier auch Schreibmaschinen, ebenso Maschinen zum Rechnen.
In allen Fächern, ist der Amerikaner praktisch und sucht
die Arbeit zu erleichtern. Natürlich braucht es weniger
Hände.
Maschinen verschiedener Art werden jetzt häufig von hier
aus nach Europa und allen Weltgegenden geschickt. Auch der letzte
untergegangene Dampfer Schiller hatte viele Maschinen an Bord
für Europa |
J.
V. Frey
North America Mon. Terr. Madison County Sheridan
Febr. 1th 1874 an Heinrich Küstler Esq. |
| Ueber
Maschinery, dessen Erfindung, Bildung und Ausbreitung verdient
der am Simple Sancto ein Wunderwerk der Menschheit genannt zu
werden. Der Farmer schlägt 4 Pohren auf einmal, säet
mit maschin mähet erntet u. tröscht mit maschin, der
Waizen läuft gereinigt in den Sack, sogar der Koch verklopft
die Eier per Maschin, einen Wagen der von selbst bergauf läuft,
oder eine Maschin in den Himmel zu fahren, ist noch nicht erfunden;
jedoch wird sehr stark auf Luftschifferey studiert. Centenial
at Philadelphia in Pa. Nächsten Sommer mag Fleiß
u. Kenntnisse des Landes besser beweisen. Eine bewundernswerthe
Erfindung sind die improved double Turbine water Wheels, sind
empfehlenswerth für Maschinery zu treiben. |
Josephs
Willms aus Blankenheim
Glen Haven, 14.10.1883 an seinen Freund Joseph Klein in Blankenheim |
Fenster
und Türen werden in der Fabrik gemacht; sie werden bloß
von dem Karpentor, das heißt von den Schreinern zusammengesetzt.
Ein kompletter Wagen kostet hier 75 Dollar, aber leichte Qualität;
schwere findet man hier nicht, denn Steine sind keine hier auf
dem Lande zu finden.
Die Pflüge sind verschieden hier. Man hat hier Sitzpflüge,
welche dreispännig gefahren werden. Es wird alles maschinenmäßig
hier betrieben . . . So geht alles per Dampf hier, schluderich
aber schnell. Die Lebensart ist billig hier . . . Tabak ziehen
wir selbst; wenn ich nur wüßte, die Beitze zu bereiten.
Die Früchte werden hier in 3 Monaten gesäet und geerntet,
gedroschen und alles. An der Dreschmaschine gehen 10 Pferde.
Der Hafer oder das Korn kommt im Sack gefüllt auf ein Brett
vor der Maschine. Die Frucht wird mit der Maschine abgemacht
und gebunden. Das Heu ebenfalls wird mit Maschinen abgeladen
und geladen. Ein Mann kann mit drei Pferden jeden Tag 5 Ackers
pflügen; der Mann braucht nicht zu laufen, er sitzt auf
dem Pflug.
Bitte schreibe alle Neuigkeiten aus Blankenheim. |
In
den Berichten über den eigenen oder fremden Erfolg und
gelegentlichen Misserfolg tritt immer wieder der Glaube an das
„Leistungsprinzip“ zutage. Der direkte Zusammenhang
zwischen Einsatz und harter Arbeit einerseits, materiellem Gewinn
und sozialer Anerkennung andererseits, den es in Deutschland
durch vielerlei Schranken und Behinderungen nur selten gebe,
existiere in Amerika tatsächlich. Und auch die übrigen
Zutaten des puritanischen bzw. bürgerlichen Erfolgsrezepts
fehlen nicht, wenn es heißt, auch harte Arbeit führe
nur zu Wohlstand, wenn sie begleitet sei von Nüchternheit,
Sparsamkeit, Tüchtigkeit, dem Meiden von frivolen Ausgaben
und unproduktiver Verschuldung.
Zweifellos bestand für viele Einwanderer auch in dieser
Hinsicht ein spürbares Gefälle zugunsten Amerikas,
und es wurde sorgfältig und begeistert notiert und dabei
oft genug auch etwas übertrieben. Die Leistungsideologie
– zum Teil sicher schon aus Deutschland mitgebracht –
war und ist (von Franklin über Lincoln bis Reagan) ein
Kernstück des amerikanischen Glaubensbekenntnisses. |
Die
Überzeugung, Erfolg wie Misserfolg habe man nur sich selbst
zu verdanken, ist für den „Gewinner“ unwiderstehlich.
Er hat niemand anderem dafür zu danken – und er kann
die Daheimgebliebenen beeindrucken. Umgekehrt lassen sich die
Gescheiterten bequem einordnen: wenn jeder seines Glückes
Schmied ist, so sind sie – die offensichtlich Trägen,
Verschwenderischen, Untüchtigen – an ihrem Unglück
selber schuld: weder man selbst, noch die Umstände; beide
brauchen demnach nicht verändert zu werden.
Diese „Verlierer“ gab es natürlich. Es ist
völlig unmöglich, ihre Zahl zu schätzen, zumal
aufgrund der erhaltenen Briefe. Viele Briefe enthalten den Hinweis,
man habe jahrelang nichts von sich hören lassen, weil es
einem so schlecht gegangen sei; Gescheiterte gaben sicher erheblich
weniger nach Deutschland berichtet als Erfolgreiche, deren Briefe
sich ohne diese Einschränkung vorschnell als allgemeines
Einwanderer-Loblied auf das Laissez-faire und die kapitalistische
Marktwirtschaft lesen lassen würden. |
Peter
Treutlein
Chicago, den 16ten Febr. 1896 an seinen Onkel |
Lieber
Onkel!
Nach langer Pause ist es mir endlich erlaubt, ein Lebenszeichen
geben zu können. „Die Jahre fliehen pfeilgeschwind“.
Diese Wahrheit lernt man hier zu Lande am besten kennen, wo
jeder, vom Materialismus getrieben, seinen eigenen Interessen
nachjagt, ohne auf andere kaum auf sein eigenes Selbst zu achten.
In diesen Strom bin ganz naturgemäß auch ich hineingerissen
worden und bisher mit allerlei Wechselstürmen mitgeschwommen
. . . Ich lehre jetzt an einer Privatschule, (Institute of Technology)
technisches Zeichnen, Mathematik, Sprachen u. s. w. . . . Bei
der angestrengten Arbeit fühle ich mich ganz lustig u.
beneide keinen Menschen in der Welt. Allein mein Ehrgeiz hat
noch keine Ruhe. In der Familie, wo ich lehre ist ein „Töchterlein“,
das mir Sporn zur Vollendung meiner Studien gegeben hat. In
2 Jahren kann ich mit meinen Kenntnissen die Chicago University
absolvieren. Geld kostet es wohl, aber ich kann mir selbständig
durchhelfen, da ich genug zu diesem Zwecke gespart habe. Wenn
alles gut geht, trete ich Anfangs April ein. Mein Ziel ist Professor
der modernen u. antiken Sprachen. |
| Nur
bei einem sehr geringen Teil der deutschen Auswanderer waren
politische Gründe ausschlaggebend, ihre Heimat zu verlassen
und nach Amerika zu gehen: einige hundert liberale Studenten
und Intellektuelle, die in den 30er Jahren des 19. Jhdts. Mit
den reaktionären Behörden in Konflikt gerieten, einige
tausend „Achtundvierziger“, einige Dutzend Verfolgte
unter Bismarcks Sozialistengesetzen. |
Aber
die große Masse der deutschen Einwanderer, die vor allem
zur Verbesserung ihrer materiellen und sozialen Lage nach Amerika
kam, war deswegen keineswegs apolitisch.
Diese Auswanderer waren keine Revolutionäre; sie waren
mit ihrem Los in Deutschland unzufrieden, aber sie verließen
die Heimat, anstatt Revolution zu machen: die Auswanderung wirkte
auch als soziales „Sicherheitsventil“.
Die folgenden Briefausschnitte lassen wohl keinen Zweifel daran,
dass die Schreiber sich in Deutschland unterdrückt gefühlt
hatten, dass sie zwar den Hut gezogen hatten vor Höhergestellten,
aber grollend und mit einem Gefühl der Demütigung.
Wie sonst wäre der Grimm in diesen Äußerungen
zu verstehen über die „Sklaverei“, den „Despotismus“,
das Schuften für die „Müßiggänger“
in Deutschland, der Jubel über die Freiheit in Amerika,
die Gleichheit zwischen Tagelöhner und Präsident?
Bei der Beurteilung solcher Äußerungen sollte man
auch die besondere Konstellation des Briefschreibens beachten.
Wer seinem Tagebuch etwas anvertraut, kann Dinge festhalten,
die außer ihm selbst niemanden interessieren. Der Briefschreiber
denkt im Normalfall an den Adressaten, er würde kaum von
Freiheit und Gleichheit schwärmen oder auch ihre Grenzen
und Nachteile aufzeigen, wenn er nicht annähme, dass die
Empfänger davon beeindruckt wären.
Gleichzeitig sollte diese „Politisierung“ nicht
überschätzt werden. Viele der überschwänglichen
Hymnen auf die Freiheit scheinen außer Acht zu lassen,
dass diese nicht nur enge Grenzen hatte, sondern auch einen
hohen Preis; die meisten, die so begeistert das Fehlen von Standesunterschieden
berichteten, schienen angesichts der Äußerlichkeiten
nicht zu durchschauen, dass auch das Amerika des 19. Jahrhunderts
eine Klassengesellschaft war und reale ökonomische und
soziale Macht ganz unabhängig von unterwürfigen Ehrenbezeigungen
existierte. |
| Doch
es genügt nicht, 150 oder 100 Jahre später kühl
festzustellen, diese naiven Leute damals seien einem raffinierten
Schwindel aufgesessen. Das mag so sein, „objektiv“
betrachtet. Subjektiv sah es für die meisten Einwanderer
ganz anders aus. In Deutschland hatten sie sich – sicher
nicht nur in der Rückschau – unterdrückt gefühlt,
unter einem „Joch“, fassbar in Amerika aber von
eben diesem Joch befreit. Das ließ sich beschreiben: Selten
nur ist in den folgenden Briefausschnitten die Rede von der
allgemeinen Freiheit der Presse, der Gedanken, der Organisation;
in der Regel wird „Freiheit“ ganz konkret verstanden
als Freiheit der Entscheidung, Freiheit vom Militärdienst,
Freiheit von Drangsalierung, Freiheit der Berufstätigkeit
ohne Zunftzwang, Freiheit von starren Ausbildungsgängen
und Berechtigungswesen und vor allem Freiheit von erdrückenden
Abgaben. Was immer sich an Gewalt und Einfluss verbergen mochte
hinter der Fassade, dass niemand die Mütze ziehen musste,
auch der Straßenkehrer mit „Sir“ und der Präsident
mit „Du“ angeredet wurde, für das Selbstwertgefühl
der Einwanderer bedeutete es eine Menge. |
Lorenz
Degenhard
St. Louis, den 22ten November 1847 an seinen Bruder |
| Aufruhr
und Verschwörung sind hier zu Lande unmöglich. Es
hat niemand Grund dazu. Alles geschieht hier offen, wenn Verbesserungen
im Staate nothwendig werden, geschieht es mit Zuratheziehung
der Regierung selbst, die vom Volke gewählt wird. Mit Waffengewalt
wird so Etwas nicht zu Wege gebracht. Es ist das Werk öffentlicher
Berathung. Die Beamten aber und Alle, die im öffentlichen
Dienste stehen, haben eine ganz andre Stellung wie die preußischen
Beamten. Sie werden entweder direckt vom Volke für eine
gewisse, meistens nur kurze Zeit, gewählt; oder vom Präsidenten
der Vereinigten Staaten oder den Gouvernören der einzelnen
Staaten ernannt, auch nur für eine kürzere, bestimmte
Zeit. Der Präsident wird immer nur für vier Jahre
vom Volke gewählt; dieser hat dann das Recht neue Beamte
zu ernennen, oder auch die schon Angestellten im Amte zu lassen.
In Folge solchen Regierungswechsels verlor ich meine Stelle
im hiesigen Post-Büreau. Wir erhielten einen neuen Postmeister,
der Statt meiner Jemand anders anstellte, denn ich hing vom
Postmeister selbst ab. |
Joseph
Willms
Glen Haven, 14.10.1883 an seinen Freund Joseph Klein |
| Meine
Frau hat das Heimweh; sie weint Tag und Nacht und sagt, wären
wir noch einmal in Deutschland. Und ich bin des Nachts in Deutschland,
auch schon verschiedenemal bei Dir; aber des Morgens bin ich
wieder im Gelobten Lande Amerika . . . Und Du lieber Freund
weißt, was mich hingezogen hat. Ich habe den Sommer hindurch
hart arbeiten müssen für die Reiseunkosten. Da wird
manch einem gut von hier heraus geschrieben, aber wenn er hier
anlangt, sieht er zu seiner größten Verwunderung,
daß alles gestunken und gelogen ist. Aber es reuet mich
doch nicht, daß ich hier im Lande bin, denn hier kann
man eher zu etwas kommen als wie in Deutschland. Hier auf dem
Lande ist mein Geschäft nicht viel wert; aber Wagenmacher
verdienen hier viel Geld, man muß aber Englisch sprechen
können, das ist die Hauptsache. Ich werde mir Mühe
geben. Ich kann schon viel, aber noch nicht alles. Hier im Lande
wird alles per Du angeredet, mag sein wer will, ob es der Präsident
ist oder Pastor, man braucht nicht die Mütze zu ziehen
vor keinem. Es heißt aber auch hier, wenn man hier an
einem fremden Tisch ist: help Ju selfs, so auch in andern Sachen.
Wer hier nicht schafft, der so gut nichts wie in Deutschland.
Es geht alles per Dampf hier schluderich aber schnell. Die Lebensart
ist billig hier. Fleisch gibt’s hier dreimal den Tag:
zum Brökfest, Dinner und Sopper. Das heißt Morgen-,
Abend- und Mittagessen. |
Therese
Böhmen, geb. Flöckner, Zofe bei Hofkammerrätin
Böhmen in Hannover, ausgew. 1827
Baltimore, 14. April 1832 an ihre Mutter |
| Gott
wie wollte ich mich freuen, wenn ich Dich und meine Geschwister
mal wiedersehen könnte, und wenn Du mal unsere Kinder sähest.
Wer weiß, vielleicht könnte es doch nach einigen
Jahren der Fall sein. Im ganzen genommen ist es hier in Amerika
besser als in Europa. Wir haben hier keinen Kaiser, König
oder Fürsten, keinen Adel. Hier herrscht Freiheit und Gleichheit.
Das Volk wählt sich seine Beamten selbst, und wenn es damit
nicht zufrieden ist, jagt es seine Beamten wieder fort. Vorzüglich
ist es hier gut für Handwerker, denn diese können
viel Geld verdienen und werden so gut geachtet wie der Kaufmann.
Deshalb wünschte ich, so bald Karl konfirmiert ist, er
hierher käme, dann könnte es ihm nicht fehlen, sein
Glück zu machen. |
Ein
Weibsmensch verdient den Monat 4-5 Thaler. Ein schöner
Neger kostet 600-1200 Dollar.
„Minderheiten“ |
| Die
deutschen Einwanderer reisten zwar in ihrer großen Mehrzahl
zu Verwandten oder Bekannten, die sie ermutigt hatten, ihnen
zu folgen, also zu vertrauten Personen. Aber auf dem Weg dorthin
und am Ziel trafen sie auf vielerlei Menschengruppen, von denen
sie bisher allenfalls gehört hatten: natürlich die
Amerikaner (die sie oft „die Englischen“ nannten)
und darunter insbesondere die Amerikanerinnen, deren Stellung
sich von derjenigen der Frauen „draußen“ in
Deutschland deutlich unterschied; andere Einwanderernationalitäten,
wie hauptsächlich die Iren, die allerdings selten kommentierenswert
erschienen; und vor allem Menschen, die nicht nur anders sprachen
als die zu Hause, sondern auch ganz anders aussahen –
die Indianer und die Schwarzen. |
In
den Aussagen über die Stellung der Frau in Amerika herrscht
seltene Einigkeit: Sie hat es in vielerlei Hinsicht besser als
ihre Schwester in Deutschland; ihre Arbeit ist leichter, sie
hat mehr Muße, sie genießt mehr Respekt, das Recht
schützt sie stärker und umfassender, ihre Heiratschancen
sind besser und weniger stark begrenzt durch die Höhe ihrer
Mitgift, wohl auch wegen eines besonderen Seltenheitswertes
im dünn besiedelten Westen. Nur in der Beurteilung dieser
Situation scheiden sich die Geister; einige der männlichen
Briefschreiber scheinen keine rechte Freude daran zu haben.
Um so breiter ist das Spektrum in den Berichten über die
beiden ‚exotischen’ Minderheiten. Die Einstellung
sind uns auch aus der Gegenwart vertraut: eine gewisse spontane
Scheu vor dem Fremdartigen, die sich zu Furcht oder Widerwillensteigern
kann; ein unbefangenes, gelegentlich auch erstauntes Wohlwollen,
wenn man den Fremden vorurteilsfrei beobachtet oder mit ihm
vertraut geworden ist; die verblüffende Selbstverständlichkeit,
mit der neben realen Gegebenheiten auch Einstellungen und Vorurteile
der Eingesessenen zur Kenntnis genommen und akzeptiert werden;
und die Neigung, andere ethnische Gruppen naiv an den Wertmaßstäben
der eigenen Gesellschaft zu messen. |
| Im
eigenen Selbstverständnis wie in historischen Pauschalurteilen
gehörte „das Deutschamerikanertum“ zu den glühenden
Gegnern der Sklaverei, zu den begeisterten Wählern des
„Sklavenbefreiers“ Abraham Lincoln. Die Briefe zeichnen
ein differenziertes Bild. Keineswegs alle deutschen Einwanderer
reagierten schockiert und empört auf die Unterdrückung
von Minderheiten in ihrer neuen Heimat; zumeist passten sie
sich den in der Region ihrer Wahl oder in ihrer sozialen Schicht
herrschenden Einstellungen an. |
Michael
Koll, geb. in Kesseling
Albany ca. 1852 an Frau und Kinder in Kesseling |
| Die
Weibsleute haben hier das Vorrecht; z.B.: wenn der Mann die
Frau schlägt oder mit derselben keine friedliche Haushaltung
führt, und die Frau zeigt es der Obrigkeit an, so kommt
er drei Tage in die Schelde [jail] (so nennt man die Arresthäuser
hier). Da braucht kein Zeuge oder zwei, sondern den Frauenzimmern
wird es ohne weiteres geglaubt. Wenn man einem oder mehreren
Frauenzimmern auf der Straße begegnet, so muß man
die halbe Straße auf Seit gehen, wenn sie mehr als die
halbe Straße weichen oder man ihnen in den Weg geht, sie
zeigen es an, so sind es zwei Tage in der Schelde. Stößt
man sie aber, so sind es 5 Taler und 8 Tage in der Schelde.
Die Straßen hier haben an beiden Seiten einen gepflasterten
Gang, die Mitte der Straße ist für das Fuhrwerk.
Wenn der Mann saufen geht, die Frau meldet es nur an, so wird
er gleich als Arrestant festgenommen und wird in die Schelde
gebracht. Wer totschlägt, wird nach drei Tagen aufgehängt.
Trotzdem darf und kann man hier nicht bei Abendszeit über
die Straße gehen, ohne sich zu einem Kampfe mit Messer
und totschlagenden Sachen vorgesehen zu haben. Wenn man als
Deutscher hierhin kommt, so hat man sich gut in Acht zu nehmen,
wenn man eine Zeit hier ist, so ist solche Gefahr vorüber,
denn hier wird jeder kühn und frei gemacht. Es schreiben
auch viele von hier nach Deutschland, hier in Amerika brauchten
die Weibsleute nicht zu arbeiten. Ich selbst habe auch noch
keines hauptsächliche Arbeit verrichten gesehen. Erstens
haben sie viel Recht hier in Amerika, zweitens: Was sollen sie
auch hier tun? Hier brauchen sie keine Streu zu machen, oder
Futter zu tragen, denn das Vieh geht Sommer und Winter in das
Feld, trotzdem daß der Sommer hier heißer, und der
Winter kälter ist. |
Heinrich
Boeckers, geb. 24.1.1824 in Prummern, Krs. Geilenkirchen,
Versicherungskaufmann, ausgew. 1858/59
Farm Moscow, Muscatine Cty. State of Iowa-USA, 29ten April
1859 an Reinhold und Geschwister |
| Die
Indianer sind harmlos, im strengsten Winter gehen sie fast nackend.
Am Niagara-Fall vergossen wir Thränen über die Erhabenheit
der Natur. Merkwürdig sind hier die großen Rechte
der Frauen. Eine Zeugin vor Gericht gilt mehr wie 10 Männer.
Eine Frau kann durch ganz Amerika reisen, sie bleibt unbelästigt.
Täglich ziehen jetzt Karawanen nach den Goldminen in Kanada. |
Franz
Schwermann
Delfhois, den 26. September 1872 an Onkel und Tante |
| Kansas
ist erst vor 6 Jahren zum Stadt angenommen, da haben hier noch
lauter Indianer, die Wilden gewohnt. Noch vor 2 Jahren haben
sie hier noch eingebrochen und haben den Leuten die Pferde weggenommen.
Aber es ist nun so stark bewohnt, daß sich keiner mehr
traut. Auch sind die Soldaten hier dafür, damit sie nicht
über ihre Grenze kommen. 180 Meilen von hier haben sie
jetzt ihr Land. |
Hermes
Milwaukee, 25. Jan. 1846 an seinen Bruder |
| Die
Indianer das sind die frühern Eigentümer des Landes,
sie haben das Land verkauft und haben kein Recht mehr darin,
und sind des Landes verwiesen worden; in dem Busche sind keine
mehr, in der Stadt wenig, sie leben vom fischen und jagen; es
sind Menschen wie wir, aber ärmer; sie beleidigen kein
Kind; hier ist nichts zu fürchten vor wilden Tieren und
Menschen. Es hat mich noch nichts gehindert als die Bäume
auf dem Land. |
Wilhelm
Hübsch, geb. 20.3.1804 in Weilheim, Jura-Examen, ausgew.
1833
Township little Marielle b. little Rock, April 1834, an seine
Eltern |
| Die
in Deutschland herrschende Furcht vor den Indianern kennt man
hier nicht. Im Gegenteil, sie haben den größten Respekt
vor den Weißen; ihre Niederlassungen sind sehr fern von
hier gegen Osten. In den alten Staaten haben noch viele Indianerstämme
ihre eigenen Gebiete; die Regierung der Vereinigten Staaten
kauft ihnen gegenwärtig diese Gebiete nach und nach ab
und weist ihnen Wohnplätze an dem vorhin erwähnten
Ende der Welt an . . . Die Regierung übernimmt gewöhnlich
die Transportkosten von dem alten Platze zu den neuen . . .
Die Indianer können auch auf eigene Kosten reisen, dann
erhalten sie pro Kopf 10 Thlr. Solche kleinen Truppen rasten
gewöhnlich des Jagens halber eine Strecke abseits von der
Heerstraße (was die Weißen nicht zu dulden brauchen),
bei welcher Gelegenheit ein solches kleines Lager ganz in meiner
Nähe 5 Tage war; ich ritt mehrere Male zu ihnen und beobachtete
sie ganz genau. Sie kamen mir gerade vor, wie die alten Deutschen
zu Herrmanns Zeiten beschrieben werden – versteht sich
Körpergröße und Farbe abgerechnet; die Weiber
müssen alles tun, während der Mann jagt, sie müssen
sogar das erlegte Wild an dem vom heingekommenen Manne bezeichneten
Orte holen (das heiß ich keine Landstände im Haus).
Der Anführer, welcher unumschränkte Gewalt über
sie hat, hat einen silbernen Ring gleich einem großen
Ohrring durch die Nase und bleibt immer zu Haus, wahrscheinlich
müssen ihn die andern mit Nahrung versehen. Ich habe Männer
und Frauen bei ihnen gesehen, welche noch ganz rüstig waren
und die schwersten Holzlasten schleppten und dabei über
100 Jahre alt sind. Ihnen geistige Getränke zu geben ist
bei 200 Thlr. Strafe verboten, weil sie betrunken allerlei Unheil
unter sich anstellen. Sie sollen nicht stehlen, ich fand jedoch
für gut, trotzdem ein wachsames Auge auf meine Pferde in
dem Rohr zu haben. Sie haben den selben Rechtszustand wie die
Neger in Bezug zu den Weißen, d. i. nicht sehr viel mehr
als das Vieh. Es leben manchmal Weiße bei ihnen und sind
unter sie verheiratet. |
Johann
Wilhelm Zassenhaus
Superior, d. 12. Sept. |
| Hier
in der Umgegend sind mehr Indianer als Weiße u. vor einiger
Zeit war eine Parthei hier u. hielten einen Betteltanz, wobei
ich fand, daß die Vorstellungen, die ich mir früher
über die kühnen u. noblen Indianer gemacht hatte falsch
waren. Die, welche ich sah, sind schmutzige, diebische u. hinterlistige
Gesellen, welche nicht zu stolz waren betteln zu gehen u. für
Brantwein oder dergleichen Tänze zu machen. |
August
Lennep, geb. ca. 1820-25 in Kassel, Arzt, ausgew. ca. 1850
New Braunfels, Texas, Februar ca. 1861 an seine Stiefmutter |
.
. . Feindliche Indianer fielen in unsere Settelments ein, raubten
und mordeten, trieben unsere Herden fort und machten alle Wege
unsicher. Das reguläre Militär, welches die Grenzen
bewacht, war es nicht möglich, diese Horden zu vertreiben
und die Settler, immer mehr von den Indianern belästigt,
sprachen den Gouvernör um Hilfe an, dieser warb junge Leute
an, die sich freiwillig mit Pferd und Waffen versahen und sich
verbindlich machten, die Indianer zu vertreiben, wogegen dieselben
von dem Gouvernement verproviantiert wurden und 32 Dll. Pro
M. erhielten. Diese Leute, Ranger genannt, wählten ihre
eigenen Offiziere und stellten ihre Ärzte ein, die unter
gleichen Verhältnissen vom Gouvernement verproviantiert
und 120 Dll. per Monat erhielten. Ich ließ mich als Arzt
anwerben und stand als solcher unter den Ranger für die
Zeit von 9 Monaten, während dieser Zeit hatten wir die
Indianer vertrieben, aber auch während dieser sahen wir
weder Haus noch Hütte, der Himmel unser Dach, der Sattel
unser Kopfkissen in die Decke eingewickelt lagen wir mit dem
Revolver an der Seite; die Büchse im Arm (selbst ich als
Arzt war während der Kampain verpflichtet Waffen zu tragen
und zu gebrauchen) bei Nacht in Wäldern und Präries
und Sumpf, sowohl bei schlechtem als bei gutem Wetter die Indianer
verfolgend und aufpassend. Während dieser Zeit erlegte
ich selbst fünf Indianer, hatte aber auch das Unglück
mit einem vergifteten Pfeil durchs linke Knie geschossen zu
werden. Grausame Schmerzen hielt ich aus, indem das Knie zur
4fachen Dicke anschwoll und noch genöthigt war, 14 Tage
zu reiten, in einer Hitze von 30-32 Grad R. zuweilen zwei Tage
ohne Wasser. Nach 8 Wochen war es mir erst möglich stumpelnd
zu gehen. Viele meiner Cameraden bissen ins Gras, viele litten
unendliche Schmerzen an ihren vergifteten Wunden, doch gelang
es mir mit der Hilfe Gottes, die meisten ihrer Gesundheit wiederzugeben.
Da unsere Mission beendigt, wurden wir ausbezahlt und entlassen
und jeder bekam noch eine Landschenkung von 940 Aker. |
Matthias
Sievers, aus Wiggeringhausen/Kr. Olsberg, ausgew. 1866
Huston, den 27ten Mai 1867 an seinen Bruder |
.
. . bis Sant Louis, von dort habe ich die Missisippi bis in
die See gefahren . . . Auch tausende von Sklavenzellen habe
ich gesehen, die alle öde standen, wo ich erst New Orleans
hinter mich hatte, habe ich auch Alligators gesehen, die sehr
schlimm sind. Aber das schlimmste sind die Schwarzen, wenn Weißer
und Schwarzer zusammen sind, sie fassen den Schwarzen zuerst,
auch hat man hier sehr viele wilde Leute, Indianer, wo man sich
ungeheuer in acht nehmen muß, denn auf die Schwarzen sind
sie nicht so schlimm als auf die Weißen. Man muß
sich immer auf dem Freien halten, nie im Wald, sonst haben sie
einen gleich. Ich hab schon über 200 Stück zusammen
gesehen, auch mit Schießen wissen sie umzugehen, wo sie
hinzielen, das trifft. Denn hier in der Gegend hat man nicht
viele weiße Leute, meistens lauter schwarze Neggers, man
muß sich öfter ekelen, wenn man nichts wie diese
schwarzen Gestalten sieht.
Auch bin ich der Golf raufgefahren . . . da ist noch wirklich
eine wilde Gegend, kriegt man vielleicht alle 100 Meilen mal
einen Menschen zu sehen, alles wild. Indianers und wilde Tiere
das ist, was man zu sehn bekam. Das Schiff, womit ich gefahren
bin, das war ganz mit Eisen-Blech beschlagen, wegen die Indianers,
Ihr würdet Euch blind schauen, wenn Ihr mal so einen Menschen
zu sehn kriegtet. Haare haben sie so lang bis in die Hakken,
ihre Kleider besteht aus wilden Thierfellern was sie sich selbst
verfertigen, genug, es sind schrecklich . . . |
Wilhelm
Mies aus Kesseling, ausgew. 23.7.1882
Lyons, 23.7.1882 an seine Eltern |
.
. . das sind ungefähr von St. Louis bis Vicksburg 1000
Meilen. Da bin ich nun 10 Tage auf dem Schiff gewesen, und da
habe ich mir die Kost selber stellen müssen, was mich vieles
Geld gekostet
hat . . . |
Das
hätte ich mir aber noch all gefallen lassen, wenn nicht
die verfluchten Neger auf dem Schiff gewesen wären. Denn
das Negervolk ist ein Volk wie in Deutschland die Zigeunerbande.
Sie stehlen einem Geld und Kleider. Sie schneiden den Leuten
die Taschen aus den Kleidern heraus, wenn sie wissen, daß
sie Geld darin haben. Ebenso auch ihre Handkoffer und nehmen
ihnen auch die Kleider heraus bei das Geld. Und das tun sie
all, wenn die Leute schlafen . . . Manche von den Negern legten
den Leuten, wenn sie eingeschlafen waren, Baumwolle, die in
Schlaftrunk getunkt war, auf den Mund, daß die Leute fest
schlafen mußten. Und dann nahmen sie Geld aus der Tasche
oder wo sie es dann sonst versteckt hatten. Und so hat es mir
auch gegangen. Das Geld, was ich nicht für zu fahren oder
zu Essen gebraucht hatte, das haben die Neger mir gestohlen.
Das ist die Ursache, weswegen ich Euch kein Geld geschickt habe;
nicht weil Ihr meint, daß meine Kameraden mich verführt
hätten. Das ist nicht der Fall. |
Harry
Bombeck, geb. 1850 in Cottbus
Columbia, South Carolina, 10. Juli 1881 an Eltern und Geschwister |
| Wie
ich gelesen habe, haben die Nihilisten den russ. Kaiser in die
Luft gesprengt . . . Und denn hecken ja auch die fürstlichen
Familien Europas mit einer wahren Karnickelhaftigkeit, präsumtive
und consumptive Thronerben sind in solcher Massen vorhanden,
daß es auf den Einen mehr oder weniger gar nicht ankommt.
Bei uns hier dasselbe, vor 8 Tagen haben sie auch den Lump Garfield
eine Kugel in den Leib gejagt. Ich wünschte General Hancock
wäre Präsident, der brächte wenigstens die Niger
u. Chinesensecte aus dem Lande. |
John
A. Wagener
Charleston South Carolina, den 8ten November A. D. 1840 |
| Noch
leben Sie unter einem vorzüglichen Irrthum, lieber Lehrer,
hinsichtlich der Schwarzen: Sie glauben nämlich, das Wort
Negersklave drücke alle schlechte Behandlung aus, dem aber
ist nicht so; die Neger auf den Plantagen haben reine nette
Häuser bei Familien, gute Behandlung, so wie sie’s
verdienen, gutes Essen und Trinken, und arbeiten nicht die Hälfte
der Zeit der Arbeiter Deutschland’s, ist’s schlechte
Zeit, so muß der Herr sorgen und schaffen, in gute Zeiten
haben sie Überfluß. Sind sie krank, so werden sie
ärztlich behandelt, erhalten die beste Aufwartung, und
sorgen nicht woher es kämmt, werden sie alt und schwach:
so haben sie’s heftig besser, wie alte Leute in Deutschland
auf’m Altenteil; betrachtet man die Schwarzen in New York,
den nördlichen Staaten überhaupt, wo sie frei sind,
wird jedermann sagen, der südliche hat’s besser,
ist glücklicher und in moralischer Hinsicht ein weit besser
Mensch; der Mensch überhaupt, vorzüglich die Neger,
muß durch Zwang regiert werden, sei dieser Zwang nun hervorgebracht
durch religiöse Grundsätze, durch löbliche Gesetze,
durch eigenen Edelmuth . . . Sie werden finden, nur Furcht hält
ihn vom Bösen ab und treibt ihn häufig an Gutes zu
tun. |
Julius
Weßlau
New York, 26. Dez. 1860 an seine Eltern in Jüterbog |
| Seit
langer Zeit besteht hier ein großer Streit wegen der Sklaverei.
Im Süden, wo es für die weiße Rasse Menschen
zum Arbeiten zu heiß ist, haben sich die Leute schon seit
Jahrhunderten schwarze Neger gekauft und bauen auf die Plantagen
in solch ausgedehnter Weise, daß es der Weltmarkt für
Baumwolle geworden ist. In den nördlichen Staaten hält
man die Sklaverei als ein Unrecht und hat dieselbe schon seit
über 50 Jahren abgeschafft, und will nicht, daß sich
dieselbe in die noch unangebauten Länder Amerikas verbreitet
. . . diesen Herbst setzten die nördlichen Staaten ihren
Candidaten durch. Jetzt erklären die südlichen Staaten,
daß sie ihr Eigenthum und ihr Leben bedroht sehen und
sagen sich hiermit vom Bund los . . . Es liegt jeder Handel
darnieder . . . Der Norden hätte jedenfalls viel besser
gethan, sich nicht um Sachen, die sie nicht viel anging, zu
bekümmern, und jeder Geschäftsmann wünscht die
Sache sobald als möglich vereinigt, doch der Ball ist jetzt
einmal ins Rollen gekommen und Niemand weiß bis jetzt,
wie es enden wird. |
„Deutschamerikaner“
ist ein ungemein vieldeutiges Wort. Es bezeichnet nicht nur
eine deutsche Herkunft, es schließt auch eine Entscheidung
ein, das deutsche Erbe nicht schleunigst zu vergessen und von
sich zu weisen, damit der vollen Aufnahme in die Mehrheitsgesellschaft
nichts im Wege steht. Sich als Deutschamerikaner zu verstehen,
ergab sich in vielen Fällen, besonders bei der ersten Generation,
als Selbstverständlichkeit; daneben konnte sie aus vielerlei
Gründen erfolgen: Suche nach Rückhalt gegenüber
den „Amerikanern“, Bedürfnis nach Identifikation
mit einer vertrauten Gruppe, Überzeugung von der Überlegenheit
der deutschen Kultur.
„Deutschamerikaner“ umfasst aber nicht nur ein weites
Spektrum von Einstellungen zu Deutschen (und Deutschland), vom
alldeutschen Hurra-Patriotismus zu vielleicht gerade noch mildem
Interesse an den deutschen Klassikern, auch verschiebt sich
der Sinn mehrmals erheblich zwischen 1820 und 1920; vor allem
aber waren die Deutschamerikaner keine einheitliche Gruppe,
sondern in Protestanten, Katholiken und Freidenker, nach landsmannschaftlicher
Herkunft, nach politischer Überzeugung (in der alten wie
in der neuen Heimat) und natürlich nach sozialen Schichten
aufgespalten. Einziges wirkliches Bindeglied war die Sprache
– obwohl es da mit den Schweizern gelegentlich Probleme
gab. Und auch national waren die Ränder nicht scharf definiert:
Juden, Elsässer, Lothringer waren in vielen Hinsichten
„Deutschamerikaner“ – in anderen etwas Separates. |
| Zentrales
Problem des „Deutschamerikanertums“ ist die Frage
der Loyalität – oder meist: der gespaltenen Loyalität
– zwischen Deutschland und Amerika. Die Kriege hüben
wie drüben bilden die Kristallisationspunkte, an denen
sich die divergierenden Kräfte messen lassen. Aber es geht
nicht nur um politische Loyalität. Die überwältigende
Mehrzahl der deutschen Auswanderer wusste, wohin sie in Amerika
wollte, d. h. so gut wie immer: zu wem. Auch die ganz wenigen,
die ohne feste Anlaufadresse kamen, fanden sich häufig
bald in deutschen Siedlungen wieder. „Deutsche Siedlungen“,
das waren in Großstädten ganze Stadtviertel, in denen
vorwiegend Deutschamerikaner wohnten; zahlreiche kleinere Städte
waren nahezu ausschließlich oder erheblichem Maße
von deutschen Einwanderern und deren Nachkommen bewohnt; auf
dem Lande pflegte man in kleineren oder größeren
deutschen Gruppen zu siedeln, so dass es für einen deutschen
Farmer eher die Ausnahme als die Regel war, wenn er keine deutschen
Nachbarn hatte. |
| Vor
allem in den Großstädten, aber auch auf dem Land
entwickelte sich ein reges deutschamerikanisches Kultur- und
Gesellschaftsleben: Kirchen, Schulen, Vereine aller Art, allen
voran Turn- und Gesangvereine, Krankenversicherungen auf Gegenseitigkeit
(„Unterstützungsvereine“), Sterbekassen, Wohlfahrtsvereine,
Laienspielgruppen, Theater, um nur einige zu nennen. Bis in
die entlegensten Landgebiete gelangten die deutschamerikanischen
Zeitungen und Zeitschriften (über 800 im Jahre 1900!),
bildeten die Deutschamerikaner die mit Abstand größte
fremdsprachige Gruppe in den USA. Und sie entfaltete nächst
den Angloamerikanern das umfangreichste und vielseitigste Kulturleben. |
| Wie
sich Ende des 19. Jahrhunderts herausstellte, war der entscheidende
Stützpfeiler dieses deutschamerikanischen Eigenlebens ein
stetiger Strom von Einwanderern: die zweite und dritte Generation
neigte dazu, die deutschen Siedlungen und auch das deutsche
Kulturleben hinter sich zu lassen, die englische Sprache der
deutschen vorzuziehen und sich der angloamerikanischen Kultur
zu assimilieren. So hatte angesichts abbröckelnder Einwandererzahlen
der quantitative Niedergang der deutschamerikanischen Kultur
bereits in den 1890er Jahren begonnen, und die Katastrophe des
I. Weltkriegs beschleunigte nur eine Entwicklung, die bereits
weit fortgeschritten war. |
| Das
Verhältnis der amerikanischen Mehrheit zu den deutschen
Einwanderern war kompliziert. Einerseits galten sie als fleißig,
strebsam und zuverlässig, also als ausgesprochen wünschenswerte
Neubürger. Andererseits nahm man Anstoß daran, dass
es unter ihnen viele Katholiken, manche Sozialisten, nicht wenige
Kulturchauvinisten gab, und vor allem an der allgemeinen Neigung,
den puritanischen Sonntag durch bierselige Geselligkeit zu entweihen.
Auch das Festhalten an deutschen Schulen und die erbitterte
Opposition gegen das Alkoholverbot machten den Deutschamerikanern
Feinde. |
So
bestand bereits ein gewisses Misstrauen, als das organisierte
Deutschamerikanertum im Herbst 1914 eine lärmende Sympathiekampagne
für das Reich und eine massive Propaganda gegen die Alliierten
und für die Bewahrung der amerikanischen Neutralität
entfaltete. Eine Reaktion nach dem Kriegseintritt der USA 1917
konnte nicht ausbleiben; die antideutsche Hysterie war kein
Ruhmesblatt für das „freie Land“ – sie
war ebenso kleinlich wie kurzsichtig, gefährlich wie geschmacklos
und schloss neben Umbenennungen, dem Verbot des Deutschsprechens
auf der Straße und am Telefon, der Verbannung deutscher
Musik und Kultur allgemein, auch Bücherverbrennungen, Drangsalierung,
Terror und einen Lynchmord ein.
Von diesem Schlag hat sich das ohnehin bereits geschwächte
Deutschamerikanertum nicht wieder erholt – zumal er zeitlich
zusammenfiel mit dem Ende der Masseneinwanderung. Dennoch erscheint
das Phänomen, das immerhin einige Generationen lang blühte
und – liebsames oder unliebsames – Aufsehen erregte,
vor allem aber die ungewöhnlich rasche Assimilation der
Deutschen letztlich förderte, einiger Beachtung wert –
zumal wenn man bedenkt, dass in ihrem Konflikt zwischen zwei
Sprachen und Kulturen, in ihren Gettos, die Deutschen im Amerika
des 19. Jahrhunderts sich in einer durchaus vergleichbaren Lage
befanden mit den Türken in der Bundesrepublik des 20. Jahrhunderts. |
Karl
Ko . . .
Cincinatti, den 12. Novbr. 1851 |
| Von
den so viel besprochenen „deutschen Elementen“,
welche nach mehrfachen Schilderungen hier vorherrschen sollen,
konnte ich bis jetzt nichts verspüren. Selbst der ächte
Pennsylvanier, der doch von Stockdeutschen abstammt, ist nicht
mehr als Deutscher zu erkennen, er hat einen durchaus andern
Character angenommen und verräth seine Abstammung höchstens
dadurch, daß er seine Kinder nichts lernen lassen will. |
Sie
werden nun freilich sagen, es wandern nicht blos Bauern, sondern
auch Kaufleute, eine Masse Handwerker, ja sogar Gelehrte aus
und bei ihnen müße sich doch mehr der ursprüngliche
National-Charakter ausdrücken. Hierin haben Sie aber weit
gefehlt. Gerade bei den bessern Ständen, bei Kaufleuten,
Gelehrten, intelligenten Handwerkern, vermischt sich das deutsche
Element am schnellsten, denn es wird bei ihnen eigentlich zur
Lebensfrage, sich an die Amerikaner anzuschließen, ihre
Sprache, Gebräuche und Sitten anzunehmen und gemeinschaftliche
Sache mit ihnen zu machen.
Aus all diesen Gründen werden Sie sehen, daß die
politische Stellung der Deutschen in Amerika von keinerlei Bedeutung
sein kann, sie sind vielmehr der Spielball der verschiedenen
Parthien. |
Ludwig
Hollenberg,
Hubbard Iowa, March 7. 1890 an seinen Vetter Georg |
| Ich
will Dir mit diesem Brief ein Deutsch Amerikanische Zeitung
schicken dann kannst du einmal sehen daß wir hier über
alle Deutsche Angelegenheiten gut und schnell unterrichtet sind
wir Ihr in Nauholz. Diese Zeitung erscheint Wöchentlich
zweimal und da kannst Du sehen wie viel Vieh von jeder Sorte
täglich in Chicago ankomt und wie viel per Hundert dafür
bezahlt wird und auch wie die Polletik in der Welt steht. Ich
halte diese Zeitung, dabei noch unsre Deutsche Kirchenzeitung
auch zwei Englische Zeitungen und eine Deutsche Illustrierte
unter dem Namen (Daheim) welche in Leipzig in Deutschland aus
gegeben wird und welche Jährlich in 18 Heften erscheint. |
|
Erster
Weltkrieg und Antigermanismus |
Robert
Rossi,
New York, 29. Decbr. 1914 an seinen Neffen Emil |
| Dieser
schreckliche Krieg hat in alle deutschen Familien auch hier
viel Unglück gebracht und viele Geschäfte zum Schließen
gebracht, und Tausende von Arbeitern außer Arbeit gesetzt,
aber trotzdem wird alle Hoffnung auf baldigen Sieg gesetzt.
Die deutschen Verluste müssen aber trotzdem enorm sein,
wie, die 2 Mal hier wöchentlich öffentlichen Listen
zeigen. Unter den zahlreichen Namen fand ich aus Sachsen 2 Vogel
– Bernard Wilhelm und Paul Otto – sollten das wohl
von unseren Verwandten sein? Für die Hinterbliebenen wird
auch hier tüchtig gesammelt, eine kürzlich veranstaltete
Ausstellung von Vereinen brachte nahezu _ Million Dollars: und
Sammlungen werden auch weiter fortgesetzt. Kriegsnachrichten
bekommen wir täglich ausführlich in verschiedenen
Auflagen so daß Ihr Euch nicht die Kosten und Mühe
von Sendungen der öffentlichen Drucksachen ersparen solltet.
Daß Ihr in beiden Familien von der Einberufung bis jetzt
verschont seid, ist jedenfalls für die Frauen sehr erwünscht,
wenn auch die Männer vor Begierde brennen, ins Feld zu
gehen. - Daß Ihr alle gesund seid und beide Kinder bei
Euch habt, ist jedenfalls erfreulich, und auch Idas Söhne
sind noch zu Hause, aber daß Alle begierig sind, zur Front
zu gehen, läßt sich denken. Hoffentlich kommt der
unselige Krieg bald zu einem glorreichen Siege! |
|
„Amerika“
und die „Amerikaner“ |
| Wenn
die Einwanderer über ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Chancen,
die fremde Sprache, Freiheit und Gleichheit, die Deutschamerikaner
und anderen Minderheiten nach Hause berichtet haben, bleibt
noch ein Bereich offen, der für sie alle bedeutsam ist:
das Land und dessen tonangebende Bewohner, die Spielregeln,
die es zu beachten gilt, die Sitten und Gebräuche, der
Werte und Eigenheiten „der Amerikaner“. |
Natürlich
sind diese Fragen auch schon in den bisherigen Abschnitten angeklungen,
und ebenso natürlich ergeben die folgenden Briefausschnitte
kein vollständiges Mosaik. Aber es werden Schwerpunkte
deutlich – vor allem kritische, wobei vor Verallgemeinerungen
gewarnt werden sollte. Sicher gibt es viele Klagen vor allem
über den amerikanischen Materialismus, den Dollar, der
wichtiger sei als Moral, Menschlichkeit, Gemütlichkeit;
über das Fehlen von Fröhlichkeit, Lustbarkeit, Vergnügungen
– aber noch weit mehr Briefschreiber halten diese Punkte
gar nicht für erwähnenswert, einige begrüßten
sie sogar. Einige Einzelaspekte kommen hinzu, bei denen man
sorgfältig prüfen muss, ob sie nur zufällig selten
mitgeteilt wurden oder offenbare Einzelfälle darstellen,
wie der Prediger, der auf der Kanzel ein Glas Wasser trinkt,
oder Verallgemeinerungen rein regionale Erscheinungen sind.
Wäre der Brief über die penetrante Faulheit „der
Amerikaner“ aus Connecticut oder Kansas gekommen, so müsste
man eine Erklärung vor allem in der Psyche des Briefschreibers
suchen; doch er kommt aus Arkansas, wo den „armen Weißen“,
dem „white trash“ genau dieselben Eigenheiten, die
der Einwanderer beschreibt, das ganze 19. Jahrhundert hindurch
von seinen wohlhabenden Landsleuten in den Südstaaten und
von allen Amerikanern im Norden nachgesagt wurden. Und kaum
hat man für die überraschende Aussage dergestalt eine
plausible Erklärung gefunden, stößt man auf
den Briefausschnitt, in dem auch aus California mangelnde Arbeitslust
berichtet wird . . .
Vielleicht sollte man hier zweierlei festhalten. Einmal, dass
wohl kaum etwas so wirksam vor leichtfertigen Verallgemeinerungen
und Pauschalurteilen schützt wie die Lektüre solcher
Privatbriefe, die immer wieder erinnern an den Einzelfall und
an die Bedeutung des Beobachters für das von ihm Berichtete.
Zum anderen, dass der Brief aus Arkansas zwar extrem ist, aber
viele Deutschamerikaner sich nicht nur hinsichtlich ihrer Kultur,
sondern auch wegen ihres Fleißes und ihrer reinlichen
Gärten noch lange „den Amerikanern“ überlegen
dünkten.
Noch etwas anderes, das vorher nur angeklungen ist, drängt
sich in diesem Kapitel geradezu auf. Wer Tocquevilles «
De la démocratie en Amérique » gelesen hat,
kennt das wiedererkennende Staunen darüber, dass so vieles
von dem 1835 Niedergeschriebenen noch heute zu gelten scheint.
Ähnlich hier: Wer erkennt nicht wiederholt in den Briefen
von 1830 oder 1880 Beobachtungen, die entweder noch heute dem
Amerika-Besucher vertraut sind oder zum gesicherten deutschen
Vorurteilsschatz über Amerika gehören? |
Valentin
Schätzel,
Milwaukee, Wisc. 22. August 1846 an seinen Vater |
| Nun
will ich Euch noch zu wissen thun, daß es mir in Amerika
gar nicht gefällt. Denn Amerika ist bei Weitem nicht so,
wie es beschrieben wird. Die Meisten schreiben nach Deutschland
nur, was sie verdienen und nicht, was sie auszulegen haben.
Auch sind die Orte nicht so schön gebaut, wie in Deutschland.
Ich habe in Amerika noch keine so hübsche Stadt wie Wiesbaden
gesehen. Es ist mir alle Lust vergangen, Land zu kaufen und
will mir in dem Busch nicht gefallen, wo alles so sehr wild
und öde ist. Wer nicht gerade am Wege wohnt, der bekommt
manche Woche Niemand zu sehen. |
Adam
Tracht,
Ritschmond, Jefferson Counti Ohio, den 15. August 1832 an
Geschwister und Freunde |
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. . Alle die hereinkommen sind recht froh, nur ich und meine
Frau nicht, wir können die Amerikaner Sitten nicht vertragen,
es betragen sich sehr viele wie sie Gurehus beschrieben hat,
nur Fluchen sie hier nicht so sehr, sie leiden es auch nicht
ein Fluch wird mit 2 Dollar bestraft. Ein guter Schullehrer
von Deutschland, wird den besten Prediger in Amerika übertreffen,
ich habe gesehen, das ein englischer Prediger den Rock auf die
Kanzel gehängt hat und in den Hemdärmel gepredigt,
auch Wasser auf der Kanzler getrunken hat. Ich habe auch in
Washington ein deutschen Prediger gesehen, daß er von
Anfang auf der Kanzel mit seinem Messer ein Penchen aus der
Tasche abgeschnitten und in den Mund gethan hat, dabei auch
keine angenehm Predigt abgelegt, o darin seid ihr reich in eurem
Land, aber sonst werdet ihr mit so viel Complimenten gespeißt,
daß sie auch fast widerstehen können, wenn es in
Deutschland nicht übertrieben wäre und ihr nicht so
auserordentlich schlecht behandelt weret, so hätten wir
einen großen Verlust und zwar nur durch die Kirche und
gesellschaftlich Leben, auch damit ist es auch nicht geholfen,
man gedenkt hier auch seelig zu werden, wer Gott fürchtet
und recht thut, und das gesellschaftliche Leben wird manchem
auch in Deutschland lästig sein, wie ich es schon stark
gefühlt habe, hier in diesem Land kann man ungestört
und ruhig leben, wenn bekannte zusammen gehen in eine Nachbarschaft,
so kann auch der Verlust Deutschland hier zehnfach verbessert
werden, nur sollen sich alte Menschen die Reise nicht mehr vornehmen. |
| Eine
Gruppe der „Verlierer“ – wenn auch nicht ausschließlich
in ökonomischer Hinsicht – lässt sich fest umreißen,
weil sie schließlich die Konsequenz ziehen, ihre Auswanderungsentschei-dung
zu revidieren: die Rückwanderer. Sie bieten, was ihre Quantität
angeht, ein großes Problem. Behörden und Statistiker
in Deutschland und den USA haben sich im 19. Jahrhundert zwar
einigermaßen intensiv um die Auswanderer gekümmert,
aber so gut wie gar nicht um die Gegenbewegung. Es ist nicht
unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren aus mühsam
zu erarbeitenden Stichproben eine halbwegs verlässliche
Gesamtzahl zu errechnen sein wird. Bis dahin muss man sich mit
vagen Schätzungen behelfen. |
Wahrscheinlich
sind im 19. Jahrhundert insgesamt nicht weniger als 10 Prozent
der deutschen Auswanderer früher oder später wieder
in die alte Heimat zurückgekehrt, wobei der Anteil entsprechend
der Entwicklung des Seeverkehrs im frühen 19. Jahrhundert
eher niedriger, im späten eher höher gelegen haben
dürfte.
Allerdings ist der Begriff unscharf. Er umfasst den jungen Kaufmann,
der nach ein paar Jahren in New York wieder nach Hamburg geht,
ebenso wie den Arbeiter, den lange Arbeitslosigkeit wieder aus
Ohio ins Rheinland treibt, wobei in beiden Fällen bei der
Auswanderung nicht klar sein mochte, ob sie auf Dauer sein sollte;
doch auch Leute sind darunter, die ursprünglich bestimmt
in Amerika bleiben wollten, denen aber wirtschaftlicher Misserfolg
oder auch persönliche Gründe – das Heimweh spielt
eine große Rolle – einen Strich durch die Rechnung
machten.
Insgesamt gibt es für die Rückwanderung fast ebenso
viele Gründe wie für die Auswanderung. Sicher ist,
dass die Rückkehr in die alte Heimat für viele der
letzte Ausweg war; sicher ist aber auch, dass viele andere den
Rückweg antraten, obwohl es ihnen in den USA materiell
recht gut ging. |
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