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Lehrer-Info
 
Wo du leben willst, da gehe hin
Lohnt sich das Auswandern?
Geht es dir dort besser als hier, und ist es lohnend und ratsam für uns, nachzukommen?
Häufig lassen sich die beiden Fragen und die Antworten darauf gar nicht trennen, und fast immer besteht ein Zusammenhang zwischen dem eigenen Schicksal des Einwanderers und seiner Haltung zum Auswandern von Nahestehenden oder Fremden. Jeder (freiwillige) Auswanderer verlässt die Heimat und begibt sich in die Fremde in der Hoffnung, dass es ihm dort besser gehen werde als bisher und als er es zu Hause für die Zukunft erwartet. Die große Mehrzahl der deutschen Amerika-Auswanderer im 19. Jahrhundert verstand das „Bessergehen“ vor allem in wirtschaftlichem Sinne, erstrebte oft auch Unabhängigkeit, aber vor allem einen höheren Lebensstandard für sich, und generell sozialen Aufstieg. Dem Bauern ging es um einen größeren Hof, dem Tagelöhner um eigenes Land, dem Handwerker um Selbständigkeit und bessere Geschäfte, dem Arbeiter um höheren Lohn und Besitz oder Ersparnisse zum Mitnehmen, wenn er sich zur Rückkehr entschloss (eine Entscheidung, die erstaunlich viele Auswanderer offen ließen, selbst manche, die sich Land kauften).
   
Für die Masse der deutschen Auswanderer ist sicher, dass die Briefe von Verwandten, Freunden, glaubwürdigen Bekannten bei weit mehr Menschen den Ausschlag gegeben haben für ihre Entscheidung, die Heimat zu verlassen, als alle Zeitungsmeldungen, Romane, Auswandererleitfäden, Agenten und Werbebroschüren zusammen.
Die Ratschläge und Prognosen hinsichtlich der Nachwanderung gehen entweder in die gleiche Richtung oder warnen eher trotz eigenen Wohlergehens mit dem Hinweis, man habe Glück gehabt – ein wenig Konkurrenzfurcht gegenüber Neueinwanderern könnte dabei mitspielen.
Hier wie meist wird Aufstieg mit mehr Einkommen, verbesserten Lebensbedingungen und Eigentumsbildung gleichgesetzt; gelegentlich erweist sich auch die Politik, auch ohne massive Einkommensverbesserungen, als Weg zum sozialen Aufstieg.
Die folgenden Briefausschnitte geben das ganze Spektrum von Urteilen – von heller Begeisterung über Neutralität oder Skepsis bis hin zu vernichtender oder verzweifelter Kritik wieder; Amerika war keineswegs für jedermann das gelobte Land. Die Unterschiede in der Beurteilung sind zweifellos zu einem großen Teil aus der Persönlichkeit des Schreibers und aus seinen Anfangsbedingungen – seine Lage in der alten Heimat und die Höhe des Startkapitals in Amerika – zu erklären; aber es wird auch deutlich, wie stark die Lebensbedingungen in Stadt wie Land von Konjunkturschwankungen abhingen – und davon, ob man zur rechten Zeit am rechten Ort war.
Man kann nicht beschreiben,
wie gut es in Amerika ist
Johann Fuchs aus Langenfeld
Podrisch, New York, den 18. Feb. 1841 an die Kinder
. . . wir noch alle frisch und gesund sind und so vergnügt und zufrieden leben, als daß die Umstände in Deutschland so zu leben nie zugelassen haben. Nicht anderes wird in unserer Haushaltung erwünscht, als hätten wir unsere ganze Familie bei uns! . . .
. . . Wir werden vermutlich bis in den Juni hier auf dem Kanal verbleiben. Könntet Ihr im Monat May zu uns kommen, so könntet Ihr diesen Sommer so viel verdienen, daß Ihr den Winter hindurch zu leben hättet; denn Eure Männer könnten unten auf die Kanal-Arbeit gehen; und Ihr zwei nehmet jedes vier Kostgänger an. Diese bezahlen jeder jeden Tag 10 Silbergroschen. Dieses würde vollkommen die Ausgabe für sie und für Eure ganze Familie ausmachen. Was alsdann auf dem Kanal verdient wird, und was Ihr mit Nähen und Stricken verdient, das könnet Ihr zurücklegen. Wenn wir gesund bleiben, so sind wir auch gesonnen, sobald es warm wird, Kostgänger anzunehmen, deren man hier genug haben kann.
Ach liebe Kinder! Was ist das für ein Unterschied hier und in Deutschland! Ein reichliches Verdienst, so gute und wohlfeile Lebensmittel. Es scheint weder jung noch alt zu Fuß zu reisen, alle zu Pferd oder Wagen. Ja, sie lassen sich Sonntag in die Kirche fahren, und wenn es auch kaum des Ein- und Aussteigens wert ist und selbsten kein Fuhrwerk haben . . .
Eine arbeitsame Hand ist ein Reichtum in Amerika. Alle Handwerker sind hier gut: Maurer, Steinhauer, Zimmerleute und Schmiede und Schlosser sind die ersten; und Wagner, Bäcker und Nagelschmiede sind die letzten. Ueberall sicher und erfreuliche Aussichten, auch reichliches Verdienst. Wer nur arbeiten kann und will, der hat keine Not, und wer den Sommer hindurch arbeitet, so kann er soviel ersparen, daß er mit einer Familie von 4 bis 5 Personen den ganzen Winter hindurch davon leben kann.

 

Johannes Schröder aus Dedenborn, Kr. Monschau
Milwaukee, Wis., Dez. 1846 an seine Verwandten

Wir haben eine gute Ernte gehabt. Wir haben geerntet 30Mltr Früchte, so viel hätte ich in Deutschland fast in 3 Jahren nicht ernten können auf demselben Lande. Wir haben hier zu leben im Überfluß. Hier ist ein ruhiges zufriedenes Leben. Hier kommt keinen Empfänger, hier bekommt man keine Mahnungsblättchen, hier kommt keine Gemeinderat einem ins Haus, kurzum, alle Bettelei hört auf . . . Aber das Allerschönste, was ich hier finde, ist, daß man die Früchten eines armen Mannes von denen eines reichen nicht unterscheiden kann . . .
. . . Du mein lieber Bruder Hubert, wärst Du doch mit Deinen Kindern hier, so könntest Du sagen, ich bin ein reicher Mann. Wenn Deine Mädchen alle 4 dienten, so brauchtest Du und Deine Frau nicht mehr zu arbeiten, und Du könntest leben wie ein reiche Herrschaft; aber was hilft das alles, ich kann Dir nicht dazu raten, wegen der beschwerlichen Reise und vielen Kosten. Ich rufe keinen, wer kommen will und kommen kann, der komme. Es ist gerade, wie ich Euch sage.

 

Nikolaus Frett, geb. 1795 in Virmburg, Kreis Mayen, ausgew. 1841
Chicago, 30. Aug. 1841 an Kaufmann Marhöffer

Man weiß auch hier von keinen Steuern. Man braucht sich hier nicht für den Müssiggänger zu plagen als wie in Deutschland. Hier arbeitet man für sich . . . Wir verlangen nicht mehr nach Deutschland. Jeden Tag danken wir dem lieben Gott, daß er uns aus der Sklaverei gleichsam ins Paradies geführt hat. Auch dieses wünschte ich meinen lieben Freunden, Schwestern und Brüdern von Herzen gerne, die doch in Deutschland gleichsam als unter Löven und Drachen wohnen und jeden Augenblick fürchten, von ihnen verschlungen zu werden.
Die Tracht der Kleider ist in Amerika wie in Deutschland bei den größten Herrschaften. Besonders bei den Frauenzimmern ist die Tracht sehr vornehm . . . Auch ist die Amerikanische Kost gut und billig. Der gemeine Mann lebt in Amerika besser, als in Deutschland der vornehmste. Kurz mit einem Wort, man kann nicht beschreiben, wie gut es in Amerika ist.

 

Peter Arras aus Brandau, Hessen
ca. 1831 an einen Freund in Brandau

Wer hier arbeiten will, kann sich ein schönes Vermögen erwerben, wenn er nur im Taglohn arbeitet. Die Leute, welch wir mitgenommen haben, und der Sclaverey entgangen sind, und hier in einem freien gelobten Land leben, wenn wir einmal eingerichtet sind, da brauchen unsere Weibsleute nicht wie in Deutschland zu fragen was werde ich kochen, sondern was sie gelüstet und essen wollen, wenn sie wollen können sie spinnen, wenn sie nicht wollen brauchen sie es nicht, denn die Hembter sind wohlfeil und man hat keine Abgaben man glaubt in Deutschland nicht, wie leicht sich hier leben läst, sie schmieren das schöne Brod fingersdick mit Marmelade oder Butter dann essen sie erst ihr Fleisch dazu.

 

Eduard Treutlein, geb. 1838 in Ittenschwand, höhere Schule
in Heidelberg zunächst Seemann, dann Lehrer, ausgew. 1859
Oxford, Pennsylvania, Juli 1865 an die Eltern

Nun will ich Euch eine nähere Beschreibung der Gegend und unsrer Verwandten hier geben. Es sind bereits über 15 Jahre, dass Joseph Fodt, der ein guter Wagner ist, mit Josephine hier in diesem Land wohnt. Sie hatten keinen Kreuzer mehr als sie in York ankamen. Doch Fodt fand sogleich Arbeit und ein anderer Mann bot ihm sogleich ein kleines Haus in der Stadt zum wohnen an bis es ihm möglich sei zu bezahlen . . . Am Ende des 2ten Jahres hatte er 200 $ erspart und Josephine durch Häkeln, Nähen, Stricken && über 50 $; ohne daß es ihr Mann wusste; da wurde das Gütchen feil auf dem sie nun leben für 1500 $, wovon 200 $ baar. Fodt bezahlte die 200 $, trat es an u. Josephine gab ihm dann ihre 50 $ um Geschirr zu kaufen. Es sind ungefähr 15 Morgen Land, welches durch die Straße in zwei Hälfte geteilt wird, woran ein schönes Wohnhaus auf der einen Seite und eine geräumige Wagnerstätte und Scheuer auf der andern Seite steht, das Land eingezäunt rings umher. Er betreibt die Bauerei u. Wagnerei, hält 1 od. 2 Pferde, und Josephine versieht die Kühe, Schweine, hält immer c 60 Hühner, 25 Truthähne, Enten, Gänse && woraus sie sich und den Kindern Kleider anschaffen muß, wie es der Gebrauch in diesem Lande ist . . . Ihr Gütchen ist nun 1900 $ werth, frei bezahlt und außerdem haben sie noch 350 $ auf Zinsen, ohne das Vieh && u. die schöne Hauseinrichtung . . . Josephines Bruder Johan Ballweg, wo ich diesen Brief nun schreibe, wohnt hier in Oxford, Er kam 2 Jahre nach Josephine ins Land. Hatte noch etwas Geld als hierher kam und kaufte in Abbotstown ein Haus, wo er mit seinen 3 Söhnen: Johann, Friedrich u. Karl die Schuhmacherei betrieb. Er ist ein Mann in seinem Fach, wie auch seine Söhne, erhielt er bald eine sehr starke Kundschaft und machte im ersten Jahr für 2100 $ Arbeit . . . Er hat nun verflossenes Jahr ein ausgezeichnet schön gelegenes Gut hier gekauft von 42_ Morgen Land, 6 Morgen Wald, begränzt an der einen Seite von der Conowage und das übrige hübsch eingezäunt, in der Mitte davon an einer belebten Straße liegt ein schönes, freundliches 2 stöckiges Wohnhaus mit Gemühsgarten u. Blumengarten in der Front, Stallung, Scheuer &&.

 

Hier spricht man meistens Englisch
Die fremde Sprache

Die überwältigende Mehrheit der deutschen Einwanderer kam ohne Englischkenntnisse nach Amerika, und ebenso fanden sich die meisten zum ersten Mal im Leben in einer Lage, in der sie nicht jeder verstand und sie selber andere nicht verstanden: eine beängstigende, eine verwirrende, zumindest eine verunsichernde Situation. Wie stark der einzelne davon betroffen war, hing weitgehend davon ab, wo er sich niederließ.
Stürzte er sich ins kalte Wasser, zog an einen Ort, wo nur wenige Deutschamerikaner lebten, nahm eine Arbeit an, bei der er keine deutschen Kollegen hatte, dann war der Lernprozess schmerzhaft, aber kurz, zumal wenn er ohne Familie kam. Ging er dagegen ins deutsche Wohnviertel einer größeren Stadt oder in ein deutsches Siedlungsgebiet auf dem Land, fand er zudem noch einen deutschen Arbeitgeber oder bestellt sein eigenes Land, dann brauchten ihm seine mangelnden Englischkenntnisse zunächst wenig Sorgen zu machen, weil er so gut wie alle Verständigungsbedürfnisse in seiner Muttersprache befriedigen konnte – jedenfalls dann, wenn er sich Mühe gab, Hochdeutsch zu sprechen. (In einer ähnlichen Lage war auch ein großer Teil der Frauen, die nicht außer Hause arbeiteten.) Und er konnte nun, ohne Druck und je nach seinen privaten oder beruflichen Kontaktwünschen, eher geruhsam und beiläufig die fremde Sprache lernen.
Eins begriffen die neuen Einwanderer sehr rasch, jedenfalls diejenigen, die sich nicht in ihrer deutschen Sprachinsel von allen Außenkontakten fernhielten: wer kein Englisch konnte, wurde von den Amerikaner nicht ganz für voll genommen, war entweder auf deutsche Arbeitgeber angewiesen (die häufig niedrigere Löhne zahlten) oder von beinahe allen qualifizierten und gut bezahlten Tätigkeiten ausgeschlossen.
Die Erkenntnis, dass man Englisch sprechen müsse, wenn man vorwärt kommen will, zieht sich wie ein Refrain durch einen großen Teil der Briefe. Und diese Tatsache wird ohne Murren akzeptiert; die häufigen Klagen beziehen sich auf die missliche Situationen, in die man ohne Englischkenntnisse kommt, die Schwierigkeit des Englischlernens, allenfalls noch auf das Phänomen, dass so viele Einwanderer, kaum haben sie die neue Sprache gelernt, die alte nicht mehr sprechen mögen.
Mit dem Spracherwerb auf der einen Seite geht in der Regel ein Sprachverlust auf der anderen einher.
Für die Masse der Einwanderer dürfte gelten, dass die Generation der Kinder das Deutsche noch verstand und zum Teil noch sprach, aber mit dem Schreiben bereits Schwierigkeiten hatte.
Zum Sprachverlust liefern die Briefe wertvolle Belege.
Da sind die Entschuldigungen, dass der Ehemann oder die Ehefrau, wiewohl in Deutschland geboren oder doch von deutschen Eltern abstammend, nicht mehr deutsch schreiben könne. Vor allem aber die unbewussten Hinweise, die Sprache der Briefe selbst, zeigen in vielen Fällen an, wie nicht nur die zweite, sondern auch schon die erste Generation der Einwanderer nach geraumer Zeit in Satzbau, Vokabular und sogar Redewendungen dem Englischen Einlass in die Muttersprache gewährt. Die ersten Anzeichen – englische Schreibweise des Datums, Anglisierung der Namen (aus Heinrich Müller wird Henry Miller) einzelne Begriffe ohne vertrautes deutsches Äquivalent (einfenzen für einzäunen, verrenten für vermieten oder verpachten) – mögen noch zum Teil auf bewusste Anpassung an die neue Umwelt zurückgehen; die massiven Einbrüche des Englischen, wie sie in den letzten drei Briefen dieses Kapitels auftreten, sind dagegen ein sprachliches Phänomen, das die Entfremdung von der Muttersprache und das Überhandnehmen des offenbar bereits vertrauteren Englischen signalisiert.
Besonders Intellektuelle, Journalisten und Kirchen haben sich vor allem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts um eine dauerhafte Erhaltung der deutschen Sprache in den Vereinigten Staaten bemüht. Die Erfolge schienen vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts quantitativ eindrucksvoll – Zahl der Kinder, die Deutschunterricht hatten, Zahl der deutschsprachigen Zeitungen, Zahl der Gemeindemitglieder deutschsprachiger Kirchen, Zahl der deutschsprachigen Vereine. Doch das von den Briefen vermittelte, hinsichtlich der zweiten Generation eher pessimistische Bild ist realistischer. An dem stolzen Bau der deutschsprachigen Kulturpflege begannen sich immer tiefere Risse zu zeigen, als um die Jahrhundertwende die deutsche Einwanderung abebbte, kein Nachschub der ersten Generation mehr kam; die Deutschenverfolgung der Kriegsjahre 1917/18 brachte zum Einsturz, was bereits vorher ins Wanken geraten war. Heute wird (von Einwanderern der Nachkriegszeit abgesehen) Deutsch in den USA als Hochsprache und vor allem als Dialekt nur noch von einigen 10 000 Gläubigen kleinerer, vor allem mennonitischer, Freikirchen gesprochen – und natürlich sind diese wenigen auch sämtlich des Englischen mächtig.

 

Wilhelm Krauß aus Unterlauter, Lehrer und Pianist, ausgew. 1853
New York, den 19. April 1854 an Geschwister und Freunde

Eine große Nachfrage ist auch immer nach Mädchen für kleine Familien, um Kinder zu warten, um zu waschen und zu bügeln. Deutsche Mädchen, hauptsächlich wenn sie Englisch können, sind immer vorgezogen . . . Die Hauptsache ist die Englische. Jedem Auswanderer ist zu rathen, ehe er seine Reise nach Amerika unternimmt, erst so viel als möglich Englisch zu lernen. Denn die Bekanntschaft mit der englischen Sprache ist hier zu Lande so viel als bares Geld.

 

Anton Vogt, geb. um 1820 in Schmechten (heute Schmechten-Brakel), Landwirt/Schäfer, ausgew. 1851
Town Forrest, den 17. April 1852 an seinen Bruder in Schmechten

Zeit ist Geld
Wie die deutschen Einwanderer schnell feststellen mussten, war in Amerika nicht nur die Sprache eine andere, Klima, Landschaft, Essen, Gebräuche, Kleidung und vieles andere verschieden, sondern auch die Art und Weise, wie man sein Brot verdiente.
Drei Aspekte zogen die größte Aufmerksamkeit auf sich: die Erleichterung und Beschleunigung der Arbeit durch Maschinen, unterschiedliche Techniken in Handwerk und Landwirtschaft und die Intensität der Arbeit.
Die Verblüffung darüber, was man in Amerika alles mit Maschinen macht, das Staunen über die Wunder der Industrialisierung, geht auf mehrere Tatsachen zurück. 1. war der Ersatz von menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen (auch und gerade in der Landwirtschaft) zu jedem Zeitpunkt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in den USA insgesamt weiter fortgeschritten als in Deutschland. Das beruht auf einer Reihe von Gründen, vor allem den relativ hohen Lohnkosten in Amerika. 2. kam ein großer Teil der Einwanderer aus besonders rückständigen Gebieten Deutschlands, so dass gelegentlich in Milwaukee oder Chicago Einrichtungen zum ersten Mal kennen gelernt werden, die es auch in Wuppertal oder Berlin längst gab. 3. ist es in einer Periode der stürmischen Industrialisierung hüben wie drüben nahe liegend, dass jemand nach 20 Jahren Amerika dessen Fortschritt mit der Lage in der Heimat bei der Abreise vergleicht und dabei nicht bedenkt, dass auch in Deutschland Elektrizität oder Telefon eingezogen sein könnten.
Es bleibt das erhebliche Gefälle bestehen im Grad der Mechanisierung, Industrialisierung, der angewandten Technik, zwischen alter und neuer Heimat, das aber von den Einwanderern – sieht man von gelegentlichen Bedenken über die Schädigung der Handwerker und zeitlos deutschen Bemerkungen über schludrige Arbeit und mangelnde Dauerhaftigkeit ab – im ganzen positiv geschildert wurde.
Eher gleichmütig, manchmal aber auch mit gemischten Gefühlen vermerken Handwerker und Bauern, was ihre amerikanischen Kollegen anders machen, wobei es als selbstverständlich erachtet wird, dass man sich dem anzupassen hat.
Wer in diesen Tagen bei einem USA-Aufenthalt Gelegenheit hatte, sich einen Eindruck von der Arbeit in der Fabrik, auf der Baustelle, im Büro zu verschaffen, wird den Zeugnissen aus dem 19. Jahrhundert entnehmen können, wie langlebig Traditionen der Arbeitsintensität sind. Hier und da schreibt jemand, man müsse in Amerika weniger schwer arbeiten als in Deutschland. Sieht man näher hin, so geht es entweder um kürzere Arbeitszeiten in den USA oder um durch die Gegebenheiten des Bodens bzw. Maschinen erleichterte harte Knochenarbeit. Was das Arbeitstempo, Dauer und Häufigkeit der Pausen und die Erwartung voller Verausgabung betrifft, macht sich niemand Illusionen. Der Arbeitsdruck in Amerika lässt die entsprechenden deutschen Verhältnisse fast idyllisch, auf jeden Fall gemächlich erscheinen.
Bemerkenswert erscheint, wie die zitierten Briefschreiber auf die massiven neuen Anforderungen, die an sie gestellt werden, reagieren: selten mit Skepsis, nie mit Widerstand, sondern entweder gleichmütig oder sogar begeistert.

 

Nikolaus Hütter, geb. in Schmidtheim
Kenosha, 21.5.1875 an seine Familie

Wie weit man hier in der Mechanik vorgeschritten ist, könnt Ihr hieraus entnehmen: Ich sah in Chicago einen Telegraph, welcher die Depesche druckt. Und mit unbegreiflicher Schnelligkeit! Man hat hier auch Schreibmaschinen, ebenso Maschinen zum Rechnen. In allen Fächern, ist der Amerikaner praktisch und sucht die Arbeit zu erleichtern. Natürlich braucht es weniger Hände.
Maschinen verschiedener Art werden jetzt häufig von hier aus nach Europa und allen Weltgegenden geschickt. Auch der letzte untergegangene Dampfer Schiller hatte viele Maschinen an Bord für Europa

 

J. V. Frey
North America Mon. Terr. Madison County Sheridan
Febr. 1th 1874 an Heinrich Küstler Esq.

Ueber Maschinery, dessen Erfindung, Bildung und Ausbreitung verdient der am Simple Sancto ein Wunderwerk der Menschheit genannt zu werden. Der Farmer schlägt 4 Pohren auf einmal, säet mit maschin mähet erntet u. tröscht mit maschin, der Waizen läuft gereinigt in den Sack, sogar der Koch verklopft die Eier per Maschin, einen Wagen der von selbst bergauf läuft, oder eine Maschin in den Himmel zu fahren, ist noch nicht erfunden; jedoch wird sehr stark auf Luftschifferey studiert. Centenial at Philadelphia in Pa. Nächsten Sommer mag Fleiß u. Kenntnisse des Landes besser beweisen. Eine bewundernswerthe Erfindung sind die improved double Turbine water Wheels, sind empfehlenswerth für Maschinery zu treiben.

 

Josephs Willms aus Blankenheim
Glen Haven, 14.10.1883 an seinen Freund Joseph Klein in Blankenheim

Fenster und Türen werden in der Fabrik gemacht; sie werden bloß von dem Karpentor, das heißt von den Schreinern zusammengesetzt. Ein kompletter Wagen kostet hier 75 Dollar, aber leichte Qualität; schwere findet man hier nicht, denn Steine sind keine hier auf dem Lande zu finden.
Die Pflüge sind verschieden hier. Man hat hier Sitzpflüge, welche dreispännig gefahren werden. Es wird alles maschinenmäßig hier betrieben . . . So geht alles per Dampf hier, schluderich aber schnell. Die Lebensart ist billig hier . . . Tabak ziehen wir selbst; wenn ich nur wüßte, die Beitze zu bereiten. Die Früchte werden hier in 3 Monaten gesäet und geerntet, gedroschen und alles. An der Dreschmaschine gehen 10 Pferde. Der Hafer oder das Korn kommt im Sack gefüllt auf ein Brett vor der Maschine. Die Frucht wird mit der Maschine abgemacht und gebunden. Das Heu ebenfalls wird mit Maschinen abgeladen und geladen. Ein Mann kann mit drei Pferden jeden Tag 5 Ackers pflügen; der Mann braucht nicht zu laufen, er sitzt auf dem Pflug.
Bitte schreibe alle Neuigkeiten aus Blankenheim.
In den Berichten über den eigenen oder fremden Erfolg und gelegentlichen Misserfolg tritt immer wieder der Glaube an das „Leistungsprinzip“ zutage. Der direkte Zusammenhang zwischen Einsatz und harter Arbeit einerseits, materiellem Gewinn und sozialer Anerkennung andererseits, den es in Deutschland durch vielerlei Schranken und Behinderungen nur selten gebe, existiere in Amerika tatsächlich. Und auch die übrigen Zutaten des puritanischen bzw. bürgerlichen Erfolgsrezepts fehlen nicht, wenn es heißt, auch harte Arbeit führe nur zu Wohlstand, wenn sie begleitet sei von Nüchternheit, Sparsamkeit, Tüchtigkeit, dem Meiden von frivolen Ausgaben und unproduktiver Verschuldung.
Zweifellos bestand für viele Einwanderer auch in dieser Hinsicht ein spürbares Gefälle zugunsten Amerikas, und es wurde sorgfältig und begeistert notiert und dabei oft genug auch etwas übertrieben. Die Leistungsideologie – zum Teil sicher schon aus Deutschland mitgebracht – war und ist (von Franklin über Lincoln bis Reagan) ein Kernstück des amerikanischen Glaubensbekenntnisses.
Die Überzeugung, Erfolg wie Misserfolg habe man nur sich selbst zu verdanken, ist für den „Gewinner“ unwiderstehlich. Er hat niemand anderem dafür zu danken – und er kann die Daheimgebliebenen beeindrucken. Umgekehrt lassen sich die Gescheiterten bequem einordnen: wenn jeder seines Glückes Schmied ist, so sind sie – die offensichtlich Trägen, Verschwenderischen, Untüchtigen – an ihrem Unglück selber schuld: weder man selbst, noch die Umstände; beide brauchen demnach nicht verändert zu werden.
Diese „Verlierer“ gab es natürlich. Es ist völlig unmöglich, ihre Zahl zu schätzen, zumal aufgrund der erhaltenen Briefe. Viele Briefe enthalten den Hinweis, man habe jahrelang nichts von sich hören lassen, weil es einem so schlecht gegangen sei; Gescheiterte gaben sicher erheblich weniger nach Deutschland berichtet als Erfolgreiche, deren Briefe sich ohne diese Einschränkung vorschnell als allgemeines Einwanderer-Loblied auf das Laissez-faire und die kapitalistische Marktwirtschaft lesen lassen würden.

 

Peter Treutlein
Chicago, den 16ten Febr. 1896 an seinen Onkel

Lieber Onkel!
Nach langer Pause ist es mir endlich erlaubt, ein Lebenszeichen geben zu können. „Die Jahre fliehen pfeilgeschwind“. Diese Wahrheit lernt man hier zu Lande am besten kennen, wo jeder, vom Materialismus getrieben, seinen eigenen Interessen nachjagt, ohne auf andere kaum auf sein eigenes Selbst zu achten. In diesen Strom bin ganz naturgemäß auch ich hineingerissen worden und bisher mit allerlei Wechselstürmen mitgeschwommen . . . Ich lehre jetzt an einer Privatschule, (Institute of Technology) technisches Zeichnen, Mathematik, Sprachen u. s. w. . . . Bei der angestrengten Arbeit fühle ich mich ganz lustig u. beneide keinen Menschen in der Welt. Allein mein Ehrgeiz hat noch keine Ruhe. In der Familie, wo ich lehre ist ein „Töchterlein“, das mir Sporn zur Vollendung meiner Studien gegeben hat. In 2 Jahren kann ich mit meinen Kenntnissen die Chicago University absolvieren. Geld kostet es wohl, aber ich kann mir selbständig durchhelfen, da ich genug zu diesem Zwecke gespart habe. Wenn alles gut geht, trete ich Anfangs April ein. Mein Ziel ist Professor der modernen u. antiken Sprachen.
Nur bei einem sehr geringen Teil der deutschen Auswanderer waren politische Gründe ausschlaggebend, ihre Heimat zu verlassen und nach Amerika zu gehen: einige hundert liberale Studenten und Intellektuelle, die in den 30er Jahren des 19. Jhdts. Mit den reaktionären Behörden in Konflikt gerieten, einige tausend „Achtundvierziger“, einige Dutzend Verfolgte unter Bismarcks Sozialistengesetzen.
 
Aber die große Masse der deutschen Einwanderer, die vor allem zur Verbesserung ihrer materiellen und sozialen Lage nach Amerika kam, war deswegen keineswegs apolitisch.
Diese Auswanderer waren keine Revolutionäre; sie waren mit ihrem Los in Deutschland unzufrieden, aber sie verließen die Heimat, anstatt Revolution zu machen: die Auswanderung wirkte auch als soziales „Sicherheitsventil“.
Die folgenden Briefausschnitte lassen wohl keinen Zweifel daran, dass die Schreiber sich in Deutschland unterdrückt gefühlt hatten, dass sie zwar den Hut gezogen hatten vor Höhergestellten, aber grollend und mit einem Gefühl der Demütigung. Wie sonst wäre der Grimm in diesen Äußerungen zu verstehen über die „Sklaverei“, den „Despotismus“, das Schuften für die „Müßiggänger“ in Deutschland, der Jubel über die Freiheit in Amerika, die Gleichheit zwischen Tagelöhner und Präsident?
Bei der Beurteilung solcher Äußerungen sollte man auch die besondere Konstellation des Briefschreibens beachten. Wer seinem Tagebuch etwas anvertraut, kann Dinge festhalten, die außer ihm selbst niemanden interessieren. Der Briefschreiber denkt im Normalfall an den Adressaten, er würde kaum von Freiheit und Gleichheit schwärmen oder auch ihre Grenzen und Nachteile aufzeigen, wenn er nicht annähme, dass die Empfänger davon beeindruckt wären.
Gleichzeitig sollte diese „Politisierung“ nicht überschätzt werden. Viele der überschwänglichen Hymnen auf die Freiheit scheinen außer Acht zu lassen, dass diese nicht nur enge Grenzen hatte, sondern auch einen hohen Preis; die meisten, die so begeistert das Fehlen von Standesunterschieden berichteten, schienen angesichts der Äußerlichkeiten nicht zu durchschauen, dass auch das Amerika des 19. Jahrhunderts eine Klassengesellschaft war und reale ökonomische und soziale Macht ganz unabhängig von unterwürfigen Ehrenbezeigungen existierte.
Doch es genügt nicht, 150 oder 100 Jahre später kühl festzustellen, diese naiven Leute damals seien einem raffinierten Schwindel aufgesessen. Das mag so sein, „objektiv“ betrachtet. Subjektiv sah es für die meisten Einwanderer ganz anders aus. In Deutschland hatten sie sich – sicher nicht nur in der Rückschau – unterdrückt gefühlt, unter einem „Joch“, fassbar in Amerika aber von eben diesem Joch befreit. Das ließ sich beschreiben: Selten nur ist in den folgenden Briefausschnitten die Rede von der allgemeinen Freiheit der Presse, der Gedanken, der Organisation; in der Regel wird „Freiheit“ ganz konkret verstanden als Freiheit der Entscheidung, Freiheit vom Militärdienst, Freiheit von Drangsalierung, Freiheit der Berufstätigkeit ohne Zunftzwang, Freiheit von starren Ausbildungsgängen und Berechtigungswesen und vor allem Freiheit von erdrückenden Abgaben. Was immer sich an Gewalt und Einfluss verbergen mochte hinter der Fassade, dass niemand die Mütze ziehen musste, auch der Straßenkehrer mit „Sir“ und der Präsident mit „Du“ angeredet wurde, für das Selbstwertgefühl der Einwanderer bedeutete es eine Menge.

 

Lorenz Degenhard
St. Louis, den 22ten November 1847 an seinen Bruder

Aufruhr und Verschwörung sind hier zu Lande unmöglich. Es hat niemand Grund dazu. Alles geschieht hier offen, wenn Verbesserungen im Staate nothwendig werden, geschieht es mit Zuratheziehung der Regierung selbst, die vom Volke gewählt wird. Mit Waffengewalt wird so Etwas nicht zu Wege gebracht. Es ist das Werk öffentlicher Berathung. Die Beamten aber und Alle, die im öffentlichen Dienste stehen, haben eine ganz andre Stellung wie die preußischen Beamten. Sie werden entweder direckt vom Volke für eine gewisse, meistens nur kurze Zeit, gewählt; oder vom Präsidenten der Vereinigten Staaten oder den Gouvernören der einzelnen Staaten ernannt, auch nur für eine kürzere, bestimmte Zeit. Der Präsident wird immer nur für vier Jahre vom Volke gewählt; dieser hat dann das Recht neue Beamte zu ernennen, oder auch die schon Angestellten im Amte zu lassen. In Folge solchen Regierungswechsels verlor ich meine Stelle im hiesigen Post-Büreau. Wir erhielten einen neuen Postmeister, der Statt meiner Jemand anders anstellte, denn ich hing vom Postmeister selbst ab.

 

Joseph Willms
Glen Haven, 14.10.1883 an seinen Freund Joseph Klein

Meine Frau hat das Heimweh; sie weint Tag und Nacht und sagt, wären wir noch einmal in Deutschland. Und ich bin des Nachts in Deutschland, auch schon verschiedenemal bei Dir; aber des Morgens bin ich wieder im Gelobten Lande Amerika . . . Und Du lieber Freund weißt, was mich hingezogen hat. Ich habe den Sommer hindurch hart arbeiten müssen für die Reiseunkosten. Da wird manch einem gut von hier heraus geschrieben, aber wenn er hier anlangt, sieht er zu seiner größten Verwunderung, daß alles gestunken und gelogen ist. Aber es reuet mich doch nicht, daß ich hier im Lande bin, denn hier kann man eher zu etwas kommen als wie in Deutschland. Hier auf dem Lande ist mein Geschäft nicht viel wert; aber Wagenmacher verdienen hier viel Geld, man muß aber Englisch sprechen können, das ist die Hauptsache. Ich werde mir Mühe geben. Ich kann schon viel, aber noch nicht alles. Hier im Lande wird alles per Du angeredet, mag sein wer will, ob es der Präsident ist oder Pastor, man braucht nicht die Mütze zu ziehen vor keinem. Es heißt aber auch hier, wenn man hier an einem fremden Tisch ist: help Ju selfs, so auch in andern Sachen. Wer hier nicht schafft, der so gut nichts wie in Deutschland. Es geht alles per Dampf hier schluderich aber schnell. Die Lebensart ist billig hier. Fleisch gibt’s hier dreimal den Tag: zum Brökfest, Dinner und Sopper. Das heißt Morgen-, Abend- und Mittagessen.

 

Therese Böhmen, geb. Flöckner, Zofe bei Hofkammerrätin
Böhmen in Hannover, ausgew. 1827
Baltimore, 14. April 1832 an ihre Mutter

Gott wie wollte ich mich freuen, wenn ich Dich und meine Geschwister mal wiedersehen könnte, und wenn Du mal unsere Kinder sähest. Wer weiß, vielleicht könnte es doch nach einigen Jahren der Fall sein. Im ganzen genommen ist es hier in Amerika besser als in Europa. Wir haben hier keinen Kaiser, König oder Fürsten, keinen Adel. Hier herrscht Freiheit und Gleichheit. Das Volk wählt sich seine Beamten selbst, und wenn es damit nicht zufrieden ist, jagt es seine Beamten wieder fort. Vorzüglich ist es hier gut für Handwerker, denn diese können viel Geld verdienen und werden so gut geachtet wie der Kaufmann. Deshalb wünschte ich, so bald Karl konfirmiert ist, er hierher käme, dann könnte es ihm nicht fehlen, sein Glück zu machen.
Ein Weibsmensch verdient den Monat 4-5 Thaler. Ein schöner Neger kostet 600-1200 Dollar.
„Minderheiten“
Die deutschen Einwanderer reisten zwar in ihrer großen Mehrzahl zu Verwandten oder Bekannten, die sie ermutigt hatten, ihnen zu folgen, also zu vertrauten Personen. Aber auf dem Weg dorthin und am Ziel trafen sie auf vielerlei Menschengruppen, von denen sie bisher allenfalls gehört hatten: natürlich die Amerikaner (die sie oft „die Englischen“ nannten) und darunter insbesondere die Amerikanerinnen, deren Stellung sich von derjenigen der Frauen „draußen“ in Deutschland deutlich unterschied; andere Einwanderernationalitäten, wie hauptsächlich die Iren, die allerdings selten kommentierenswert erschienen; und vor allem Menschen, die nicht nur anders sprachen als die zu Hause, sondern auch ganz anders aussahen – die Indianer und die Schwarzen.
In den Aussagen über die Stellung der Frau in Amerika herrscht seltene Einigkeit: Sie hat es in vielerlei Hinsicht besser als ihre Schwester in Deutschland; ihre Arbeit ist leichter, sie hat mehr Muße, sie genießt mehr Respekt, das Recht schützt sie stärker und umfassender, ihre Heiratschancen sind besser und weniger stark begrenzt durch die Höhe ihrer Mitgift, wohl auch wegen eines besonderen Seltenheitswertes im dünn besiedelten Westen. Nur in der Beurteilung dieser Situation scheiden sich die Geister; einige der männlichen Briefschreiber scheinen keine rechte Freude daran zu haben.
Um so breiter ist das Spektrum in den Berichten über die beiden ‚exotischen’ Minderheiten. Die Einstellung sind uns auch aus der Gegenwart vertraut: eine gewisse spontane Scheu vor dem Fremdartigen, die sich zu Furcht oder Widerwillensteigern kann; ein unbefangenes, gelegentlich auch erstauntes Wohlwollen, wenn man den Fremden vorurteilsfrei beobachtet oder mit ihm vertraut geworden ist; die verblüffende Selbstverständlichkeit, mit der neben realen Gegebenheiten auch Einstellungen und Vorurteile der Eingesessenen zur Kenntnis genommen und akzeptiert werden; und die Neigung, andere ethnische Gruppen naiv an den Wertmaßstäben der eigenen Gesellschaft zu messen.
Im eigenen Selbstverständnis wie in historischen Pauschalurteilen gehörte „das Deutschamerikanertum“ zu den glühenden Gegnern der Sklaverei, zu den begeisterten Wählern des „Sklavenbefreiers“ Abraham Lincoln. Die Briefe zeichnen ein differenziertes Bild. Keineswegs alle deutschen Einwanderer reagierten schockiert und empört auf die Unterdrückung von Minderheiten in ihrer neuen Heimat; zumeist passten sie sich den in der Region ihrer Wahl oder in ihrer sozialen Schicht herrschenden Einstellungen an.

 

Michael Koll, geb. in Kesseling
Albany ca. 1852 an Frau und Kinder in Kesseling

Die Weibsleute haben hier das Vorrecht; z.B.: wenn der Mann die Frau schlägt oder mit derselben keine friedliche Haushaltung führt, und die Frau zeigt es der Obrigkeit an, so kommt er drei Tage in die Schelde [jail] (so nennt man die Arresthäuser hier). Da braucht kein Zeuge oder zwei, sondern den Frauenzimmern wird es ohne weiteres geglaubt. Wenn man einem oder mehreren Frauenzimmern auf der Straße begegnet, so muß man die halbe Straße auf Seit gehen, wenn sie mehr als die halbe Straße weichen oder man ihnen in den Weg geht, sie zeigen es an, so sind es zwei Tage in der Schelde. Stößt man sie aber, so sind es 5 Taler und 8 Tage in der Schelde. Die Straßen hier haben an beiden Seiten einen gepflasterten Gang, die Mitte der Straße ist für das Fuhrwerk. Wenn der Mann saufen geht, die Frau meldet es nur an, so wird er gleich als Arrestant festgenommen und wird in die Schelde gebracht. Wer totschlägt, wird nach drei Tagen aufgehängt. Trotzdem darf und kann man hier nicht bei Abendszeit über die Straße gehen, ohne sich zu einem Kampfe mit Messer und totschlagenden Sachen vorgesehen zu haben. Wenn man als Deutscher hierhin kommt, so hat man sich gut in Acht zu nehmen, wenn man eine Zeit hier ist, so ist solche Gefahr vorüber, denn hier wird jeder kühn und frei gemacht. Es schreiben auch viele von hier nach Deutschland, hier in Amerika brauchten die Weibsleute nicht zu arbeiten. Ich selbst habe auch noch keines hauptsächliche Arbeit verrichten gesehen. Erstens haben sie viel Recht hier in Amerika, zweitens: Was sollen sie auch hier tun? Hier brauchen sie keine Streu zu machen, oder Futter zu tragen, denn das Vieh geht Sommer und Winter in das Feld, trotzdem daß der Sommer hier heißer, und der Winter kälter ist.

 

Heinrich Boeckers, geb. 24.1.1824 in Prummern, Krs. Geilenkirchen, Versicherungskaufmann, ausgew. 1858/59
Farm Moscow, Muscatine Cty. State of Iowa-USA, 29ten April 1859 an Reinhold und Geschwister

Die Indianer sind harmlos, im strengsten Winter gehen sie fast nackend. Am Niagara-Fall vergossen wir Thränen über die Erhabenheit der Natur. Merkwürdig sind hier die großen Rechte der Frauen. Eine Zeugin vor Gericht gilt mehr wie 10 Männer. Eine Frau kann durch ganz Amerika reisen, sie bleibt unbelästigt. Täglich ziehen jetzt Karawanen nach den Goldminen in Kanada.

 

Franz Schwermann
Delfhois, den 26. September 1872 an Onkel und Tante

Kansas ist erst vor 6 Jahren zum Stadt angenommen, da haben hier noch lauter Indianer, die Wilden gewohnt. Noch vor 2 Jahren haben sie hier noch eingebrochen und haben den Leuten die Pferde weggenommen. Aber es ist nun so stark bewohnt, daß sich keiner mehr traut. Auch sind die Soldaten hier dafür, damit sie nicht über ihre Grenze kommen. 180 Meilen von hier haben sie jetzt ihr Land.

 

Hermes
Milwaukee, 25. Jan. 1846 an seinen Bruder

Die Indianer das sind die frühern Eigentümer des Landes, sie haben das Land verkauft und haben kein Recht mehr darin, und sind des Landes verwiesen worden; in dem Busche sind keine mehr, in der Stadt wenig, sie leben vom fischen und jagen; es sind Menschen wie wir, aber ärmer; sie beleidigen kein Kind; hier ist nichts zu fürchten vor wilden Tieren und Menschen. Es hat mich noch nichts gehindert als die Bäume auf dem Land.

 

Wilhelm Hübsch, geb. 20.3.1804 in Weilheim, Jura-Examen, ausgew. 1833
Township little Marielle b. little Rock, April 1834, an seine Eltern

Die in Deutschland herrschende Furcht vor den Indianern kennt man hier nicht. Im Gegenteil, sie haben den größten Respekt vor den Weißen; ihre Niederlassungen sind sehr fern von hier gegen Osten. In den alten Staaten haben noch viele Indianerstämme ihre eigenen Gebiete; die Regierung der Vereinigten Staaten kauft ihnen gegenwärtig diese Gebiete nach und nach ab und weist ihnen Wohnplätze an dem vorhin erwähnten Ende der Welt an . . . Die Regierung übernimmt gewöhnlich die Transportkosten von dem alten Platze zu den neuen . . . Die Indianer können auch auf eigene Kosten reisen, dann erhalten sie pro Kopf 10 Thlr. Solche kleinen Truppen rasten gewöhnlich des Jagens halber eine Strecke abseits von der Heerstraße (was die Weißen nicht zu dulden brauchen), bei welcher Gelegenheit ein solches kleines Lager ganz in meiner Nähe 5 Tage war; ich ritt mehrere Male zu ihnen und beobachtete sie ganz genau. Sie kamen mir gerade vor, wie die alten Deutschen zu Herrmanns Zeiten beschrieben werden – versteht sich Körpergröße und Farbe abgerechnet; die Weiber müssen alles tun, während der Mann jagt, sie müssen sogar das erlegte Wild an dem vom heingekommenen Manne bezeichneten Orte holen (das heiß ich keine Landstände im Haus). Der Anführer, welcher unumschränkte Gewalt über sie hat, hat einen silbernen Ring gleich einem großen Ohrring durch die Nase und bleibt immer zu Haus, wahrscheinlich müssen ihn die andern mit Nahrung versehen. Ich habe Männer und Frauen bei ihnen gesehen, welche noch ganz rüstig waren und die schwersten Holzlasten schleppten und dabei über 100 Jahre alt sind. Ihnen geistige Getränke zu geben ist bei 200 Thlr. Strafe verboten, weil sie betrunken allerlei Unheil unter sich anstellen. Sie sollen nicht stehlen, ich fand jedoch für gut, trotzdem ein wachsames Auge auf meine Pferde in dem Rohr zu haben. Sie haben den selben Rechtszustand wie die Neger in Bezug zu den Weißen, d. i. nicht sehr viel mehr als das Vieh. Es leben manchmal Weiße bei ihnen und sind unter sie verheiratet.

 

Johann Wilhelm Zassenhaus
Superior, d. 12. Sept.

Hier in der Umgegend sind mehr Indianer als Weiße u. vor einiger Zeit war eine Parthei hier u. hielten einen Betteltanz, wobei ich fand, daß die Vorstellungen, die ich mir früher über die kühnen u. noblen Indianer gemacht hatte falsch waren. Die, welche ich sah, sind schmutzige, diebische u. hinterlistige Gesellen, welche nicht zu stolz waren betteln zu gehen u. für Brantwein oder dergleichen Tänze zu machen.

 

August Lennep, geb. ca. 1820-25 in Kassel, Arzt, ausgew. ca. 1850
New Braunfels, Texas, Februar ca. 1861 an seine Stiefmutter

. . . Feindliche Indianer fielen in unsere Settelments ein, raubten und mordeten, trieben unsere Herden fort und machten alle Wege unsicher. Das reguläre Militär, welches die Grenzen bewacht, war es nicht möglich, diese Horden zu vertreiben und die Settler, immer mehr von den Indianern belästigt, sprachen den Gouvernör um Hilfe an, dieser warb junge Leute an, die sich freiwillig mit Pferd und Waffen versahen und sich verbindlich machten, die Indianer zu vertreiben, wogegen dieselben von dem Gouvernement verproviantiert wurden und 32 Dll. Pro M. erhielten. Diese Leute, Ranger genannt, wählten ihre eigenen Offiziere und stellten ihre Ärzte ein, die unter gleichen Verhältnissen vom Gouvernement verproviantiert und 120 Dll. per Monat erhielten. Ich ließ mich als Arzt anwerben und stand als solcher unter den Ranger für die Zeit von 9 Monaten, während dieser Zeit hatten wir die Indianer vertrieben, aber auch während dieser sahen wir weder Haus noch Hütte, der Himmel unser Dach, der Sattel unser Kopfkissen in die Decke eingewickelt lagen wir mit dem Revolver an der Seite; die Büchse im Arm (selbst ich als Arzt war während der Kampain verpflichtet Waffen zu tragen und zu gebrauchen) bei Nacht in Wäldern und Präries und Sumpf, sowohl bei schlechtem als bei gutem Wetter die Indianer verfolgend und aufpassend. Während dieser Zeit erlegte ich selbst fünf Indianer, hatte aber auch das Unglück mit einem vergifteten Pfeil durchs linke Knie geschossen zu werden. Grausame Schmerzen hielt ich aus, indem das Knie zur 4fachen Dicke anschwoll und noch genöthigt war, 14 Tage zu reiten, in einer Hitze von 30-32 Grad R. zuweilen zwei Tage ohne Wasser. Nach 8 Wochen war es mir erst möglich stumpelnd zu gehen. Viele meiner Cameraden bissen ins Gras, viele litten unendliche Schmerzen an ihren vergifteten Wunden, doch gelang es mir mit der Hilfe Gottes, die meisten ihrer Gesundheit wiederzugeben.
Da unsere Mission beendigt, wurden wir ausbezahlt und entlassen und jeder bekam noch eine Landschenkung von 940 Aker.

 

Matthias Sievers, aus Wiggeringhausen/Kr. Olsberg, ausgew. 1866
Huston, den 27ten Mai 1867 an seinen Bruder

. . . bis Sant Louis, von dort habe ich die Missisippi bis in die See gefahren . . . Auch tausende von Sklavenzellen habe ich gesehen, die alle öde standen, wo ich erst New Orleans hinter mich hatte, habe ich auch Alligators gesehen, die sehr schlimm sind. Aber das schlimmste sind die Schwarzen, wenn Weißer und Schwarzer zusammen sind, sie fassen den Schwarzen zuerst, auch hat man hier sehr viele wilde Leute, Indianer, wo man sich ungeheuer in acht nehmen muß, denn auf die Schwarzen sind sie nicht so schlimm als auf die Weißen. Man muß sich immer auf dem Freien halten, nie im Wald, sonst haben sie einen gleich. Ich hab schon über 200 Stück zusammen gesehen, auch mit Schießen wissen sie umzugehen, wo sie hinzielen, das trifft. Denn hier in der Gegend hat man nicht viele weiße Leute, meistens lauter schwarze Neggers, man muß sich öfter ekelen, wenn man nichts wie diese schwarzen Gestalten sieht.
Auch bin ich der Golf raufgefahren . . . da ist noch wirklich eine wilde Gegend, kriegt man vielleicht alle 100 Meilen mal einen Menschen zu sehen, alles wild. Indianers und wilde Tiere das ist, was man zu sehn bekam. Das Schiff, womit ich gefahren bin, das war ganz mit Eisen-Blech beschlagen, wegen die Indianers, Ihr würdet Euch blind schauen, wenn Ihr mal so einen Menschen zu sehn kriegtet. Haare haben sie so lang bis in die Hakken, ihre Kleider besteht aus wilden Thierfellern was sie sich selbst verfertigen, genug, es sind schrecklich . . .

 

Wilhelm Mies aus Kesseling, ausgew. 23.7.1882
Lyons, 23.7.1882 an seine Eltern

. . . das sind ungefähr von St. Louis bis Vicksburg 1000 Meilen. Da bin ich nun 10 Tage auf dem Schiff gewesen, und da habe ich mir die Kost selber stellen müssen, was mich vieles Geld gekostet
hat . . .
Das hätte ich mir aber noch all gefallen lassen, wenn nicht die verfluchten Neger auf dem Schiff gewesen wären. Denn das Negervolk ist ein Volk wie in Deutschland die Zigeunerbande. Sie stehlen einem Geld und Kleider. Sie schneiden den Leuten die Taschen aus den Kleidern heraus, wenn sie wissen, daß sie Geld darin haben. Ebenso auch ihre Handkoffer und nehmen ihnen auch die Kleider heraus bei das Geld. Und das tun sie all, wenn die Leute schlafen . . . Manche von den Negern legten den Leuten, wenn sie eingeschlafen waren, Baumwolle, die in Schlaftrunk getunkt war, auf den Mund, daß die Leute fest schlafen mußten. Und dann nahmen sie Geld aus der Tasche oder wo sie es dann sonst versteckt hatten. Und so hat es mir auch gegangen. Das Geld, was ich nicht für zu fahren oder zu Essen gebraucht hatte, das haben die Neger mir gestohlen.
Das ist die Ursache, weswegen ich Euch kein Geld geschickt habe; nicht weil Ihr meint, daß meine Kameraden mich verführt hätten. Das ist nicht der Fall.

 

Harry Bombeck, geb. 1850 in Cottbus
Columbia, South Carolina, 10. Juli 1881 an Eltern und Geschwister

Wie ich gelesen habe, haben die Nihilisten den russ. Kaiser in die Luft gesprengt . . . Und denn hecken ja auch die fürstlichen Familien Europas mit einer wahren Karnickelhaftigkeit, präsumtive und consumptive Thronerben sind in solcher Massen vorhanden, daß es auf den Einen mehr oder weniger gar nicht ankommt. Bei uns hier dasselbe, vor 8 Tagen haben sie auch den Lump Garfield eine Kugel in den Leib gejagt. Ich wünschte General Hancock wäre Präsident, der brächte wenigstens die Niger u. Chinesensecte aus dem Lande.

 

John A. Wagener
Charleston South Carolina, den 8ten November A. D. 1840

Noch leben Sie unter einem vorzüglichen Irrthum, lieber Lehrer, hinsichtlich der Schwarzen: Sie glauben nämlich, das Wort Negersklave drücke alle schlechte Behandlung aus, dem aber ist nicht so; die Neger auf den Plantagen haben reine nette Häuser bei Familien, gute Behandlung, so wie sie’s verdienen, gutes Essen und Trinken, und arbeiten nicht die Hälfte der Zeit der Arbeiter Deutschland’s, ist’s schlechte Zeit, so muß der Herr sorgen und schaffen, in gute Zeiten haben sie Überfluß. Sind sie krank, so werden sie ärztlich behandelt, erhalten die beste Aufwartung, und sorgen nicht woher es kämmt, werden sie alt und schwach: so haben sie’s heftig besser, wie alte Leute in Deutschland auf’m Altenteil; betrachtet man die Schwarzen in New York, den nördlichen Staaten überhaupt, wo sie frei sind, wird jedermann sagen, der südliche hat’s besser, ist glücklicher und in moralischer Hinsicht ein weit besser Mensch; der Mensch überhaupt, vorzüglich die Neger, muß durch Zwang regiert werden, sei dieser Zwang nun hervorgebracht durch religiöse Grundsätze, durch löbliche Gesetze, durch eigenen Edelmuth . . . Sie werden finden, nur Furcht hält ihn vom Bösen ab und treibt ihn häufig an Gutes zu tun.
Julius Weßlau
New York, 26. Dez. 1860 an seine Eltern in Jüterbog
Seit langer Zeit besteht hier ein großer Streit wegen der Sklaverei. Im Süden, wo es für die weiße Rasse Menschen zum Arbeiten zu heiß ist, haben sich die Leute schon seit Jahrhunderten schwarze Neger gekauft und bauen auf die Plantagen in solch ausgedehnter Weise, daß es der Weltmarkt für Baumwolle geworden ist. In den nördlichen Staaten hält man die Sklaverei als ein Unrecht und hat dieselbe schon seit über 50 Jahren abgeschafft, und will nicht, daß sich dieselbe in die noch unangebauten Länder Amerikas verbreitet . . . diesen Herbst setzten die nördlichen Staaten ihren Candidaten durch. Jetzt erklären die südlichen Staaten, daß sie ihr Eigenthum und ihr Leben bedroht sehen und sagen sich hiermit vom Bund los . . . Es liegt jeder Handel darnieder . . . Der Norden hätte jedenfalls viel besser gethan, sich nicht um Sachen, die sie nicht viel anging, zu bekümmern, und jeder Geschäftsmann wünscht die Sache sobald als möglich vereinigt, doch der Ball ist jetzt einmal ins Rollen gekommen und Niemand weiß bis jetzt, wie es enden wird.

 

„Deutschamerikaner“

„Deutschamerikaner“ ist ein ungemein vieldeutiges Wort. Es bezeichnet nicht nur eine deutsche Herkunft, es schließt auch eine Entscheidung ein, das deutsche Erbe nicht schleunigst zu vergessen und von sich zu weisen, damit der vollen Aufnahme in die Mehrheitsgesellschaft nichts im Wege steht. Sich als Deutschamerikaner zu verstehen, ergab sich in vielen Fällen, besonders bei der ersten Generation, als Selbstverständlichkeit; daneben konnte sie aus vielerlei Gründen erfolgen: Suche nach Rückhalt gegenüber den „Amerikanern“, Bedürfnis nach Identifikation mit einer vertrauten Gruppe, Überzeugung von der Überlegenheit der deutschen Kultur.
„Deutschamerikaner“ umfasst aber nicht nur ein weites Spektrum von Einstellungen zu Deutschen (und Deutschland), vom alldeutschen Hurra-Patriotismus zu vielleicht gerade noch mildem Interesse an den deutschen Klassikern, auch verschiebt sich der Sinn mehrmals erheblich zwischen 1820 und 1920; vor allem aber waren die Deutschamerikaner keine einheitliche Gruppe, sondern in Protestanten, Katholiken und Freidenker, nach landsmannschaftlicher Herkunft, nach politischer Überzeugung (in der alten wie in der neuen Heimat) und natürlich nach sozialen Schichten aufgespalten. Einziges wirkliches Bindeglied war die Sprache – obwohl es da mit den Schweizern gelegentlich Probleme gab. Und auch national waren die Ränder nicht scharf definiert: Juden, Elsässer, Lothringer waren in vielen Hinsichten „Deutschamerikaner“ – in anderen etwas Separates.
Zentrales Problem des „Deutschamerikanertums“ ist die Frage der Loyalität – oder meist: der gespaltenen Loyalität – zwischen Deutschland und Amerika. Die Kriege hüben wie drüben bilden die Kristallisationspunkte, an denen sich die divergierenden Kräfte messen lassen. Aber es geht nicht nur um politische Loyalität. Die überwältigende Mehrzahl der deutschen Auswanderer wusste, wohin sie in Amerika wollte, d. h. so gut wie immer: zu wem. Auch die ganz wenigen, die ohne feste Anlaufadresse kamen, fanden sich häufig bald in deutschen Siedlungen wieder. „Deutsche Siedlungen“, das waren in Großstädten ganze Stadtviertel, in denen vorwiegend Deutschamerikaner wohnten; zahlreiche kleinere Städte waren nahezu ausschließlich oder erheblichem Maße von deutschen Einwanderern und deren Nachkommen bewohnt; auf dem Lande pflegte man in kleineren oder größeren deutschen Gruppen zu siedeln, so dass es für einen deutschen Farmer eher die Ausnahme als die Regel war, wenn er keine deutschen Nachbarn hatte.
Vor allem in den Großstädten, aber auch auf dem Land entwickelte sich ein reges deutschamerikanisches Kultur- und Gesellschaftsleben: Kirchen, Schulen, Vereine aller Art, allen voran Turn- und Gesangvereine, Krankenversicherungen auf Gegenseitigkeit („Unterstützungsvereine“), Sterbekassen, Wohlfahrtsvereine, Laienspielgruppen, Theater, um nur einige zu nennen. Bis in die entlegensten Landgebiete gelangten die deutschamerikanischen Zeitungen und Zeitschriften (über 800 im Jahre 1900!), bildeten die Deutschamerikaner die mit Abstand größte fremdsprachige Gruppe in den USA. Und sie entfaltete nächst den Angloamerikanern das umfangreichste und vielseitigste Kulturleben.
Wie sich Ende des 19. Jahrhunderts herausstellte, war der entscheidende Stützpfeiler dieses deutschamerikanischen Eigenlebens ein stetiger Strom von Einwanderern: die zweite und dritte Generation neigte dazu, die deutschen Siedlungen und auch das deutsche Kulturleben hinter sich zu lassen, die englische Sprache der deutschen vorzuziehen und sich der angloamerikanischen Kultur zu assimilieren. So hatte angesichts abbröckelnder Einwandererzahlen der quantitative Niedergang der deutschamerikanischen Kultur bereits in den 1890er Jahren begonnen, und die Katastrophe des I. Weltkriegs beschleunigte nur eine Entwicklung, die bereits weit fortgeschritten war.
Das Verhältnis der amerikanischen Mehrheit zu den deutschen Einwanderern war kompliziert. Einerseits galten sie als fleißig, strebsam und zuverlässig, also als ausgesprochen wünschenswerte Neubürger. Andererseits nahm man Anstoß daran, dass es unter ihnen viele Katholiken, manche Sozialisten, nicht wenige Kulturchauvinisten gab, und vor allem an der allgemeinen Neigung, den puritanischen Sonntag durch bierselige Geselligkeit zu entweihen. Auch das Festhalten an deutschen Schulen und die erbitterte Opposition gegen das Alkoholverbot machten den Deutschamerikanern Feinde.
So bestand bereits ein gewisses Misstrauen, als das organisierte Deutschamerikanertum im Herbst 1914 eine lärmende Sympathiekampagne für das Reich und eine massive Propaganda gegen die Alliierten und für die Bewahrung der amerikanischen Neutralität entfaltete. Eine Reaktion nach dem Kriegseintritt der USA 1917 konnte nicht ausbleiben; die antideutsche Hysterie war kein Ruhmesblatt für das „freie Land“ – sie war ebenso kleinlich wie kurzsichtig, gefährlich wie geschmacklos und schloss neben Umbenennungen, dem Verbot des Deutschsprechens auf der Straße und am Telefon, der Verbannung deutscher Musik und Kultur allgemein, auch Bücherverbrennungen, Drangsalierung, Terror und einen Lynchmord ein.
Von diesem Schlag hat sich das ohnehin bereits geschwächte Deutschamerikanertum nicht wieder erholt – zumal er zeitlich zusammenfiel mit dem Ende der Masseneinwanderung. Dennoch erscheint das Phänomen, das immerhin einige Generationen lang blühte und – liebsames oder unliebsames – Aufsehen erregte, vor allem aber die ungewöhnlich rasche Assimilation der Deutschen letztlich förderte, einiger Beachtung wert – zumal wenn man bedenkt, dass in ihrem Konflikt zwischen zwei Sprachen und Kulturen, in ihren Gettos, die Deutschen im Amerika des 19. Jahrhunderts sich in einer durchaus vergleichbaren Lage befanden mit den Türken in der Bundesrepublik des 20. Jahrhunderts.

 

Karl Ko . . .
Cincinatti, den 12. Novbr. 1851

Von den so viel besprochenen „deutschen Elementen“, welche nach mehrfachen Schilderungen hier vorherrschen sollen, konnte ich bis jetzt nichts verspüren. Selbst der ächte Pennsylvanier, der doch von Stockdeutschen abstammt, ist nicht mehr als Deutscher zu erkennen, er hat einen durchaus andern Character angenommen und verräth seine Abstammung höchstens dadurch, daß er seine Kinder nichts lernen lassen will.
Sie werden nun freilich sagen, es wandern nicht blos Bauern, sondern auch Kaufleute, eine Masse Handwerker, ja sogar Gelehrte aus und bei ihnen müße sich doch mehr der ursprüngliche National-Charakter ausdrücken. Hierin haben Sie aber weit gefehlt. Gerade bei den bessern Ständen, bei Kaufleuten, Gelehrten, intelligenten Handwerkern, vermischt sich das deutsche Element am schnellsten, denn es wird bei ihnen eigentlich zur Lebensfrage, sich an die Amerikaner anzuschließen, ihre Sprache, Gebräuche und Sitten anzunehmen und gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen.
Aus all diesen Gründen werden Sie sehen, daß die politische Stellung der Deutschen in Amerika von keinerlei Bedeutung sein kann, sie sind vielmehr der Spielball der verschiedenen Parthien.

 

Ludwig Hollenberg,
Hubbard Iowa, March 7. 1890 an seinen Vetter Georg

Ich will Dir mit diesem Brief ein Deutsch Amerikanische Zeitung schicken dann kannst du einmal sehen daß wir hier über alle Deutsche Angelegenheiten gut und schnell unterrichtet sind wir Ihr in Nauholz. Diese Zeitung erscheint Wöchentlich zweimal und da kannst Du sehen wie viel Vieh von jeder Sorte täglich in Chicago ankomt und wie viel per Hundert dafür bezahlt wird und auch wie die Polletik in der Welt steht. Ich halte diese Zeitung, dabei noch unsre Deutsche Kirchenzeitung auch zwei Englische Zeitungen und eine Deutsche Illustrierte unter dem Namen (Daheim) welche in Leipzig in Deutschland aus gegeben wird und welche Jährlich in 18 Heften erscheint.

 

Erster Weltkrieg und Antigermanismus

Robert Rossi,
New York, 29. Decbr. 1914 an seinen Neffen Emil
Dieser schreckliche Krieg hat in alle deutschen Familien auch hier viel Unglück gebracht und viele Geschäfte zum Schließen gebracht, und Tausende von Arbeitern außer Arbeit gesetzt, aber trotzdem wird alle Hoffnung auf baldigen Sieg gesetzt. Die deutschen Verluste müssen aber trotzdem enorm sein, wie, die 2 Mal hier wöchentlich öffentlichen Listen zeigen. Unter den zahlreichen Namen fand ich aus Sachsen 2 Vogel – Bernard Wilhelm und Paul Otto – sollten das wohl von unseren Verwandten sein? Für die Hinterbliebenen wird auch hier tüchtig gesammelt, eine kürzlich veranstaltete Ausstellung von Vereinen brachte nahezu _ Million Dollars: und Sammlungen werden auch weiter fortgesetzt. Kriegsnachrichten bekommen wir täglich ausführlich in verschiedenen Auflagen so daß Ihr Euch nicht die Kosten und Mühe von Sendungen der öffentlichen Drucksachen ersparen solltet. Daß Ihr in beiden Familien von der Einberufung bis jetzt verschont seid, ist jedenfalls für die Frauen sehr erwünscht, wenn auch die Männer vor Begierde brennen, ins Feld zu gehen. - Daß Ihr alle gesund seid und beide Kinder bei Euch habt, ist jedenfalls erfreulich, und auch Idas Söhne sind noch zu Hause, aber daß Alle begierig sind, zur Front zu gehen, läßt sich denken. Hoffentlich kommt der unselige Krieg bald zu einem glorreichen Siege!

 

„Amerika“ und die „Amerikaner“

Wenn die Einwanderer über ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Chancen, die fremde Sprache, Freiheit und Gleichheit, die Deutschamerikaner und anderen Minderheiten nach Hause berichtet haben, bleibt noch ein Bereich offen, der für sie alle bedeutsam ist: das Land und dessen tonangebende Bewohner, die Spielregeln, die es zu beachten gilt, die Sitten und Gebräuche, der Werte und Eigenheiten „der Amerikaner“.
Natürlich sind diese Fragen auch schon in den bisherigen Abschnitten angeklungen, und ebenso natürlich ergeben die folgenden Briefausschnitte kein vollständiges Mosaik. Aber es werden Schwerpunkte deutlich – vor allem kritische, wobei vor Verallgemeinerungen gewarnt werden sollte. Sicher gibt es viele Klagen vor allem über den amerikanischen Materialismus, den Dollar, der wichtiger sei als Moral, Menschlichkeit, Gemütlichkeit; über das Fehlen von Fröhlichkeit, Lustbarkeit, Vergnügungen – aber noch weit mehr Briefschreiber halten diese Punkte gar nicht für erwähnenswert, einige begrüßten sie sogar. Einige Einzelaspekte kommen hinzu, bei denen man sorgfältig prüfen muss, ob sie nur zufällig selten mitgeteilt wurden oder offenbare Einzelfälle darstellen, wie der Prediger, der auf der Kanzel ein Glas Wasser trinkt, oder Verallgemeinerungen rein regionale Erscheinungen sind. Wäre der Brief über die penetrante Faulheit „der Amerikaner“ aus Connecticut oder Kansas gekommen, so müsste man eine Erklärung vor allem in der Psyche des Briefschreibers suchen; doch er kommt aus Arkansas, wo den „armen Weißen“, dem „white trash“ genau dieselben Eigenheiten, die der Einwanderer beschreibt, das ganze 19. Jahrhundert hindurch von seinen wohlhabenden Landsleuten in den Südstaaten und von allen Amerikanern im Norden nachgesagt wurden. Und kaum hat man für die überraschende Aussage dergestalt eine plausible Erklärung gefunden, stößt man auf den Briefausschnitt, in dem auch aus California mangelnde Arbeitslust berichtet wird . . .
Vielleicht sollte man hier zweierlei festhalten. Einmal, dass wohl kaum etwas so wirksam vor leichtfertigen Verallgemeinerungen und Pauschalurteilen schützt wie die Lektüre solcher Privatbriefe, die immer wieder erinnern an den Einzelfall und an die Bedeutung des Beobachters für das von ihm Berichtete. Zum anderen, dass der Brief aus Arkansas zwar extrem ist, aber viele Deutschamerikaner sich nicht nur hinsichtlich ihrer Kultur, sondern auch wegen ihres Fleißes und ihrer reinlichen Gärten noch lange „den Amerikanern“ überlegen dünkten.
Noch etwas anderes, das vorher nur angeklungen ist, drängt sich in diesem Kapitel geradezu auf. Wer Tocquevilles « De la démocratie en Amérique » gelesen hat, kennt das wiedererkennende Staunen darüber, dass so vieles von dem 1835 Niedergeschriebenen noch heute zu gelten scheint. Ähnlich hier: Wer erkennt nicht wiederholt in den Briefen von 1830 oder 1880 Beobachtungen, die entweder noch heute dem Amerika-Besucher vertraut sind oder zum gesicherten deutschen Vorurteilsschatz über Amerika gehören?

 

Valentin Schätzel,
Milwaukee, Wisc. 22. August 1846 an seinen Vater

Nun will ich Euch noch zu wissen thun, daß es mir in Amerika gar nicht gefällt. Denn Amerika ist bei Weitem nicht so, wie es beschrieben wird. Die Meisten schreiben nach Deutschland nur, was sie verdienen und nicht, was sie auszulegen haben. Auch sind die Orte nicht so schön gebaut, wie in Deutschland. Ich habe in Amerika noch keine so hübsche Stadt wie Wiesbaden gesehen. Es ist mir alle Lust vergangen, Land zu kaufen und will mir in dem Busch nicht gefallen, wo alles so sehr wild und öde ist. Wer nicht gerade am Wege wohnt, der bekommt manche Woche Niemand zu sehen.

 

Adam Tracht,
Ritschmond, Jefferson Counti Ohio, den 15. August 1832 an Geschwister und Freunde

. . . Alle die hereinkommen sind recht froh, nur ich und meine Frau nicht, wir können die Amerikaner Sitten nicht vertragen, es betragen sich sehr viele wie sie Gurehus beschrieben hat, nur Fluchen sie hier nicht so sehr, sie leiden es auch nicht ein Fluch wird mit 2 Dollar bestraft. Ein guter Schullehrer von Deutschland, wird den besten Prediger in Amerika übertreffen, ich habe gesehen, das ein englischer Prediger den Rock auf die Kanzel gehängt hat und in den Hemdärmel gepredigt, auch Wasser auf der Kanzler getrunken hat. Ich habe auch in Washington ein deutschen Prediger gesehen, daß er von Anfang auf der Kanzel mit seinem Messer ein Penchen aus der Tasche abgeschnitten und in den Mund gethan hat, dabei auch keine angenehm Predigt abgelegt, o darin seid ihr reich in eurem Land, aber sonst werdet ihr mit so viel Complimenten gespeißt, daß sie auch fast widerstehen können, wenn es in Deutschland nicht übertrieben wäre und ihr nicht so auserordentlich schlecht behandelt weret, so hätten wir einen großen Verlust und zwar nur durch die Kirche und gesellschaftlich Leben, auch damit ist es auch nicht geholfen, man gedenkt hier auch seelig zu werden, wer Gott fürchtet und recht thut, und das gesellschaftliche Leben wird manchem auch in Deutschland lästig sein, wie ich es schon stark gefühlt habe, hier in diesem Land kann man ungestört und ruhig leben, wenn bekannte zusammen gehen in eine Nachbarschaft, so kann auch der Verlust Deutschland hier zehnfach verbessert werden, nur sollen sich alte Menschen die Reise nicht mehr vornehmen.

 

Rückkehrer

Eine Gruppe der „Verlierer“ – wenn auch nicht ausschließlich in ökonomischer Hinsicht – lässt sich fest umreißen, weil sie schließlich die Konsequenz ziehen, ihre Auswanderungsentschei-dung zu revidieren: die Rückwanderer. Sie bieten, was ihre Quantität angeht, ein großes Problem. Behörden und Statistiker in Deutschland und den USA haben sich im 19. Jahrhundert zwar einigermaßen intensiv um die Auswanderer gekümmert, aber so gut wie gar nicht um die Gegenbewegung. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren aus mühsam zu erarbeitenden Stichproben eine halbwegs verlässliche Gesamtzahl zu errechnen sein wird. Bis dahin muss man sich mit vagen Schätzungen behelfen.
Wahrscheinlich sind im 19. Jahrhundert insgesamt nicht weniger als 10 Prozent der deutschen Auswanderer früher oder später wieder in die alte Heimat zurückgekehrt, wobei der Anteil entsprechend der Entwicklung des Seeverkehrs im frühen 19. Jahrhundert eher niedriger, im späten eher höher gelegen haben dürfte.
Allerdings ist der Begriff unscharf. Er umfasst den jungen Kaufmann, der nach ein paar Jahren in New York wieder nach Hamburg geht, ebenso wie den Arbeiter, den lange Arbeitslosigkeit wieder aus Ohio ins Rheinland treibt, wobei in beiden Fällen bei der Auswanderung nicht klar sein mochte, ob sie auf Dauer sein sollte; doch auch Leute sind darunter, die ursprünglich bestimmt in Amerika bleiben wollten, denen aber wirtschaftlicher Misserfolg oder auch persönliche Gründe – das Heimweh spielt eine große Rolle – einen Strich durch die Rechnung machten.
Insgesamt gibt es für die Rückwanderung fast ebenso viele Gründe wie für die Auswanderung. Sicher ist, dass die Rückkehr in die alte Heimat für viele der letzte Ausweg war; sicher ist aber auch, dass viele andere den Rückweg antraten, obwohl es ihnen in den USA materiell recht gut ging.
Weiterführende Links  
Datenbank webbasierter Unterrichtsmaterialien zur Auswanderung www.uni-oldenburg.de/nausa/nausa.htm
Migration in Deutschland www.daf.uni-mainz.de/
Deutsche Einwanderer in Amerika, prominente deutschstämmige Amerikaner http://home.pages.at/ego7/us-amerd.html
   
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